Dr. Muhammad Elhamy · 17 Min. Lesezeit
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حالة النص: قيد المراجعةIm Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
الحمد لله المعيدِ المُبدِي *** معطي النوالِ كلَّ من يستجدي
„Alles Lob gebührt Allah, dem Urheber und Wiederhersteller, der jedem Suchenden gewährt, worum er bittet.“
Dies sind Lektionen zur prophetischen Seerah, die ich am 21. Oktober 2023 (dem 6. Rabi’ al-Akhir 1445 nach der Hijra) begonnen habe. Allah hat mir beigestanden, sodass ich bisher 101 Sitzungen abschließen konnte, und die Reihe wird, so Allah will, fortgesetzt.
Ich habe in diesen Lektionen bewusst einen anderen Ansatz gewählt. Es handelt sich hierbei nicht um eine bloße historische Aufzählung von Ereignissen der Seerah oder die bloße Überprüfung von Überlieferungsketten. Vielmehr ist es der Versuch einer Lesart, aus der wir Lehren ziehen, die uns helfen, die heutige Realität der Ummah zu reformieren. Was das reine Aufzählen und Auswendiglernen der Ereignisse angeht, so gibt es unter den früheren und zeitgenössischen Gelehrten jene, die darin weitaus wissender und besser sind als ich – möge Allah der Ummah durch ihr Wissen nützen.
Da Wissen jedoch nur durch das Aufzeichnen und Erinnern bewahrt wird, und dies am besten durch das geschriebene Wort geschieht, haben wir uns entschlossen, diese ursprünglich gesprochenen Lektionen in die schriftliche Form zu übertragen. So kann der Leser die Inhalte leicht studieren, rekapitulieren und verinnerlichen. Möge Allah uns bei diesem Werk beistehen.
Bevor ich mit unserem eigentlichen Thema beginne, müssen wir uns an die schwere Katastrophe erinnern, die unsere Geschwister in Gaza (غزة) gerade durchleben.
Ihr kennt sicherlich das berühmte Lehrgedicht “Ta’iyyat al-Ilbiri” (تائية الإلبيري), das ein großer andalusischer Imam für den Wissenssucher verfasste. Es ist ein langes, wunderschönes Gedicht, das jeder Studierende kennen sollte. Was mich hier jedoch besonders beschäftigt, sind folgende Zeilen:
إِذَا مَا لَمْ يُفِدْكَ العِلْمُ شَيْئاً *** فَخَيْرٌ مِنْهُ أَنْ لَوْ قَدْ جَهِلْتَا وَلَوْ أَلْقَاكَ فَهْمُكَ فِي مَهَاوٍ *** فَلَيْتَكَ ثُمَّ لَيْتَكَ مَا فَهِمْتَا
„Wenn dir das Wissen keinen Nutzen bringt,
dann wäre es besser, du wärst unwissend geblieben.
Und wenn dein Verständnis dich in Abgründe stürzt,
oh, wie sehr ich wünschte, ja wünschte, du hättest es nie verstanden!“
Wissen wird erworben, um danach zu handeln. Es gibt ein wunderbares Buch von Al-Khatib al-Baghdadi (الخطيب البغدادي) – ich wünschte, ihr alle würdet es lesen –, das den Titel trägt: “Die Notwendigkeit des Handelns durch Wissen”.
Wenn dieser Text – und jede andere Lektion – nicht dazu beiträgt, den Zustand unserer Ummah von ihrer jetzigen Lage hin zu etwas Besserem zu verändern, dann hat er weder für mich als Schreibenden noch für euch als Lesende irgendeinen Wert. Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass Wissen das Fundament für die Tat ist. Wie Imam Al-Bukhari (الإمام البخاري) in seinem Werk meisterhaft als Kapitelüberschrift festhielt:
باب العلم قبل القول والعمل „Kapitel: Das Wissen vor dem Wort und der Tat“
Das, was in Gaza, Palästina (فلسطين) und anderen Ländern geschieht, ist das direkte Resultat der Schwäche dieser Ummah. Es ist die bittere Frucht davon, dass sie die ihr anvertraute göttliche Verantwortung vergessen hat.
Ihr wisst zweifellos, dass Allah seit dem Ertrinken des Pharaos (فرعون) die Verantwortung zur Bewahrung der Botschaft auf die Schultern einer Gemeinschaft gelegt hat. Allah rettet die Gläubigen seitdem nicht mehr durch reine Wunder von oben, und Er vernichtet die Unterdrücker nicht mehr durch übernatürliche Katastrophen, ohne dass die Gläubigen selbst handeln. Die Ummah trägt nun die Botschaft. Wenn sie sich auf dem Weg Allahs anstrengt und kämpft, steht Allah ihr bei und unterstützt sie durch wundersame Fügungen. Wenn sie sich jedoch nicht anstrengt, wird sie überrannt und unterjocht – selbst dann, wenn sie den Islam in sich trägt und das Buch Allahs in den Händen hält!
Genau das geschah den Kindern Israels nach Prophet Musa (موسى). Obwohl sie den Propheten damals am nächsten standen, wurden sie – nachdem sie abgewichen waren – von den Amalekitern unter der Führung von Jalut (جالوت) überrannt, aus dem Heiligen Land vertrieben und ihrer Heiligtümer beraubt. Die Geschichte der Kinder Israels wird im Heiligen Quran so ausführlich behandelt, um uns genau diese Lektion zu lehren: Es muss eine Gemeinschaft geben, die die Botschaft aktiv trägt. Allah sagt mahnend:
﴿مَثَلُ الَّذِينَ حُمِّلُوا التَّوْرَاةَ ثُمَّ لَمْ يَحْمِلُوهَا كَمَثَلِ الْحِمَارِ يَحْمِلُ أَسْفَارًا﴾ „Das Gleichnis derer, denen die Thora auferlegt wurde, die sie aber dann nicht trugen, ist das eines Esels, der Bücher trägt.“ (Surah Al-Jumu’ah: 5)
Dies ist ein warnendes Gleichnis für uns – die Ummah Muhammads –, wenn wir unsere Botschaft im Stich lassen. Allah hat dieser Ummah das Buch herabgesandt und ihr die Botschaft anvertraut, damit sie arbeitet, um dieser Religion zum Sieg zu verhelfen. Wenn sie das nicht tut, wird sie besiegt und unterdrückt – selbst von Völkern, denen sie in ihrer spirituellen Nähe zu Allah eigentlich überlegen sein müsste. Und so sind die Muslime heute auf der ganzen Welt zur leichten Beute für jeden Angreifer geworden!
Mit dieser bitteren Realität vor Augen eröffnen wir nun das Studium über die prophetische Seerah.
Viele Menschen kennen die genaue Abstammungslinie unseres Propheten Muhammad ﷺ nicht auswendig. Ich möchte sie euch hier nennen, denn sein edler Stammbaum lautet:
Muhammad ibn Abdillah ibn Abd al-Muttalib ibn Hashim
ibn Abd Manaf ibn Qusayy ibn Kilab ibn Murrah
ibn Ka’b ibn Lu’ayy ibn Ghalib ibn Fihr ibn Malik
ibn al-Nadr ibn Kinanah ibn Khuzaimah ibn Mudrikah
ibn Ilyas ibn Mudar ibn Nizar ibn Ma’ad ibn Adnanمُحَمَّد بْنُ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ بْنِ هَاشِمِ
بْنِ عَبْدِ مَنَافِ بْنِ قُصَيِّ بْنِ كِلَابِ بْنِ مُرَّةَ
بْنِ كَعْبِ بْنِ لُؤَيِّ بْنِ غَالِبِ بْنِ فِهْرِ بْنِ مَالِكِ
بْنِ النَّضْرِ بْنِ كِنَانَةَ بْنِ خُزَيْمَةَ بْنِ مُدْرِكَةَ
بْنِ إِلْيَاسَ بْنِ مُضَرَ بْنِ نِزَارِ بْنِ مَعَدِّ بْنِ عَدْنَانَ
Lasst euch von diesem majestätischen Stammbaum nicht abschrecken! Wenn ihr ihn einige Male für euch wiederholt, wird er leicht einzuprägen sein.
Ich teile den Stammbaum des Propheten ﷺ in drei klare Abschnitte ein:
Ich erzähle euch in diesem Zusammenhang gerne eine feine Anekdote: Ein Mann behauptete einst, er kenne die Abstammung aller Menschen lückenlos bis Adam. Er ging zu Ali ibn Abi Talib (علي بن أبي طالب) und prahlte: “Ich bin der kundigste Genealoge der Menschen!” Ali entgegnete ihm ruhig: “Wie kann das sein, wo Allah doch im Quran sagt:”
﴿وَعَادًا وَثَمُودَ وَأَصْحَابَ الرَّسِّ وَقُرُونًا بَيْنَ ذَلِكَ كَثِيرًا﴾ ‚Und die Ad und die Thamud und die Leute von Ar-Rass und viele Geschlechter dazwischen.‘ (Surah al-Furqan: 38)
Der Mann ließ nicht locker und sagte: “Ich kenne auch die Abstammung dieser Geschlechter!” Daraufhin rezitierte Ali den Vers aus Surah Ibrahim:
﴿أَلَمْ يَأْتِكُمْ نَبَأُ الَّذِينَ مِن قَبْلِكُمْ قَوْمِ نُوحٍ وَعَادٍ وَثَمُودَ وَالَّذِينَ مِن بَعْدِهِمْ لَا يَعْلَمُهُمْ إِلَّا اللَّهُ﴾ „Ist nicht die Kunde von denen, die vor euch waren, zu euch gekommen, dem Volk Nuhs, den Ad und Thamud und denjenigen nach ihnen? Niemand kennt sie außer Allah.“ (Surah Ibrahim: 9)
Da verstummte der Mann beschämt! Dies zeigt uns die brillante Fähigkeit unseres Meisters Ali, den Quran als unbestechlichen Beweis anzuführen.
Ich möchte hier etwas Wichtiges betonen: Es gibt einen gewaltigen Unterschied dazwischen, den Quran lediglich auswendig zu lernen, und der intellektuellen Gabe, im exakt richtigen Moment den passenden Vers als Beweis anzuführen.
Über Al-Muzani (المزني), den herausragenden Schüler von Imam Al-Shafi’i (الشافعي), sagte man einst:
ما رأينا أنزع لرأيه من كتاب الله من المزني “Wir haben niemanden gesehen, der seine theologische Meinung treffender mit dem Buch Allahs belegen konnte als Al-Muzani.”
Ihr kennt sicherlich auch die berühmte Begebenheit von Abu Yusuf (أبو يوسف), dem Schüler von Abu Hanifah (أبو حنيفة). Einer seiner Lehrer fragte ihn: “Was sagst du, o Abu Yusuf, zu dieser spezifischen Fragestellung?” Abu Yusuf nannte sein Urteil. Der Lehrer hakte nach: “Und was ist dein Beweis?” Abu Yusuf zitierte eine Aussage des Propheten ﷺ. Daraufhin rief der Lehrer:
والله إني لأعلم هذا الحديث قبل أن تخلق في بطن أمك! “Bei Allah! Ich kannte diesen Hadith schon, bevor du überhaupt im Bauch deiner Mutter erschaffen wurdest!”
Dies verdeutlicht: Das bloße Kennen eines Textes ist nicht dasselbe wie das scharfsinnige Ableiten von Urteilen daraus.
Welchen konkreten Nutzen ziehen wir nun aus der Kenntnis des prophetischen Stammbaums?
Erstens hilft er uns, die Zeitalter und Generationen der Araber historisch zu entschlüsseln. In der Regel umfassen drei Vorväter etwa ein Jahrhundert. Durch den Stammbaum des Propheten ﷺ bis Adnan können wir somit fast alle Epochen, in denen diese Araber lebten, zeitlich einordnen.
Die Erforschung der arabischen Zustände in der Jahiliyya ist ein weites Feld. Ich verweise hier besonders auf den berühmten irakischen Gelehrten Dr. Jawad Ali (جواد علي). Sein monumentales Werk “Al-Mufassal fi Tarikh al-Arab qabl al-Islam” ist die umfangreichste Forschungsarbeit zu den Angelegenheiten der Araber in der Zeit der Unwissenheit.
Wenn ihr diesen Stammbaum verinnerlicht, werdet ihr unzählige komplexe Ereignisse in der prophetischen Seerah verstehen. Lasst mich euch drei Beispiele geben:
1. Der Beweis gegen Nationalismus Wie ich erwähnte, endet der gesicherte Stammbaum des Propheten ﷺ bei Adnan. Die Abstammung der Ansar (die Helfer aus Medina) geht jedoch auf Qahtan (قحطان) zurück. Wenn ihr nun seht, dass der Prophet ein Adnanit war, seine hingebungsvollsten Helfer jedoch Qahtaniten waren, begreift ihr sofort: Der Islam konnte unmöglich ein tribaler oder nationalistischer Aufruf sein!
Ebenso könnt ihr die wahre Größe der Ansar gegenüber den Auswanderern in der Hütte der Banu Sa’idah (سقيفة بني ساعدة) nur so in Gänze begreifen. Der Prophet ﷺ sagte:
الأئمة من قريش “Die Anführer stammen aus Quraisch.”
Und Abu Bakr (أبو بكر) erklärte dazu:
إن هذا الأمر لا تعرفه العرب إلا لهذا الحي من قريش هم أوسط العرب نسبا ودارا “Die Araber werden in dieser Angelegenheit nur diesem Stamm aus Quraisch gehorchen; sie bilden die Mitte der Araber in Bezug auf Abstammung und Heimat.”
Die Ansar ergaben sich dieser soziologischen Realität und sagten: “So wie wir die Helfer des Gesandten Allahs waren, so sind wir nun die Helfer seines Nachfolgers.”
2. Der blinde Fanatismus für Musailamah den Lügner Ein weiteres Beispiel ist die Aussage jenes Mannes aus dem Stamm Banu Hanifah (بنو حنيفة), der Musailamah (مسيلمة) dem Lügner folgte. Er sagte völlig unverblümt:
والله إني لأعلم أن محمدا صادق وأن مسيلمة كذاب ، ولكن كذاب ربيعة أحب إلينا من صادق مضر “Bei Allah! Ich weiß ganz genau, dass Muhammad die Wahrheit spricht und dass Musailamah ein Lügner ist. Aber ein Lügner aus Rabi’ah ist uns lieber als ein Wahrhaftiger aus Mudar!”
Ihr könnt diese extrem fanatische Aussage unmöglich verstehen, wenn ihr nicht im Kopf habt, dass Mudar (مضر) einer der Vorväter des Propheten ﷺ war, während Rabi’ah (ربيعة) sein historisches Gegenstück bildete. Der tribalistische Hass war so groß, dass sie sehenden Auges der Lüge folgten.
3. Die göttliche Auslese und der Neid des Abu Jahl Auch die tiefere Bedeutung des folgenden Ausspruchs des Propheten ﷺ erschließt sich euch nur durch die Kenntnis der Genealogie:
إن الله اصطفى كنانة من ولد إسماعيل ، واصطفى قريشا من كنانة ، واصطفى من قريش بني هاشم ، واصطفاني من بني هاشم “Wahrlich, Allah hat Kinanah aus den Nachkommen Ismails auserwählt. Er hat Quraisch aus Kinanah auserwählt. Er hat die Banu Hashim aus Quraisch auserwählt, und Er hat mich aus den Banu Hashim auserwählt.” (Und in einer anderen Überlieferung: “فأنا خيار من خيار من خيار - So bin ich das Beste vom Besten vom Besten.”)
Schließlich werdet ihr auch den blutigen internen Konflikt, der in Mekka tobte, ohne dieses Wissen nicht begreifen. Ihr alle kennt die berühmte, hasserfüllte Aussage von Abu Jahl (أبو جهل):
لقد تنازعنا وبني عبد مناف الشرف ، أطعموا فأطعمنا ، وسقوا فسقينا ، حتى إذا تحاذت منا الركب وكنا كفرسي رهان ، قالوا: منا نبي ! فأنى يكون لنا ذلك ؟! “Wir und die Banu Abd Manaf stritten uns erbittert um die Ehre. Sie speisten die Menschen, also speisten wir sie. Sie gaben ihnen zu trinken, also gaben wir ihnen zu trinken. Bis wir auf gleicher Höhe waren wie zwei Rennpferde, Kopf an Kopf. Da sagten sie plötzlich: ‚Wir haben einen Propheten!‘ Wie um alles in der Welt sollen wir das jemals einholen?”
Ihr versteht diese verbitterte Rivalität nur, wenn ihr wisst, dass Abu Jahl nicht zu der edlen Abstammungslinie gehörte. Abu Jahl stammte aus den Banu Makhzum (بنو مخزوم). Und die Banu Makhzum treffen erst bei dem Vorvater Murrah (مرة) wieder mit dem Stammbaum des Propheten ﷺ zusammen.
Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich, als Utbah ibn Rabi’ah (عتبة بن ربيعة) zum Propheten ﷺ kam und ihn provozierte:
يا محمد ، أنا خير أم عبدالمطلب ؟! “O Muhammad, bist du besser oder ist Abd al-Muttalib besser?!”
Der Prophet ﷺ schwieg. Daraufhin sagte Utbah:
إن كنت تزعم أنهم خير منك ، فقد عبدوا الآلهة التي عبت ، وإن كنت تزعم أنك خير منهم فتكلم نسمعك “Wenn du behauptest, dass sie besser sind als du, dann wisse: Sie beteten jene Götzen an, die du nun verfluchst! Und wenn du behauptest, du seist besser als sie, dann sprich, damit wir dich hören.”
Ihr könnt die psychologische Finesse hinter Utbahs Angriff – warum er ausgerechnet Abd al-Muttalib als Vergleich wählte – nur begreifen, wenn ihr die Abfolge des prophetischen Stammbaums kennt.
Das Erlernen der Abstammung des Propheten ﷺ erleichtert es euch auch immens, die Abstammungslinien der Gefährten zu verstehen. Sie treffen an einem bestimmten Punkt mit einem der Vorväter des Propheten ﷺ zusammen.
So werden wir im Verlauf der Seerah erkennen, warum gerade Abu Bakr (أبو بكر) dem islamischen Ruf strategisch so unschätzbare Dienste erweisen konnte. Er war der kundigste Genealoge von Quraisch. Um es modern auszudrücken: Abu Bakr fungierte in der Frühzeit als hochintelligenter „Geheimdienst“ und brillanter „Informations- und Medienapparat“ der Dawah!
Die makellose, edle Abstammung war das allererste Kapital und die fundamentale Qualifikation für die Akzeptanz von Muhammads ﷺ Botschaft. Als der Gesandte Allahs ﷺ seinen berühmten Brief an Heraklios, den Herrscher von Byzanz, schickte, schrieb er:
من محمد رسول الله إلى هرقل عظيم الروم ، أسلم تسلم ، أسلم يؤتك الله أجرك مرتين ، فإن توليت فعليك إثم الآريسيين “Von Muhammad, dem Gesandten Allahs, an Heraklios, den Großen der Römer. Nimm den Islam an, so wirst du gerettet. Nimm den Islam an, und Allah gibt dir deinen Lohn doppelt. Wenn du dich jedoch abwendest, so trägst du die Sünde der Arisier [der Bauern/Untertanen].”
Heraklios befahl seinen Gouverneuren, ihm jemanden aus dem Land der Araber zu bringen. Man brachte Abu Sufyan. Heraklios stellte ihm elf präzise Fragen. Seine allererste Frage lautete:
ما نسبه فيكم ؟! “Wie ist seine Abstammung unter euch?!”
Abu Sufyan antwortete: “Er ist von edler Abstammung unter uns.” Daraufhin schlussfolgerte Heraklios:
وكذلك الأنبياء تبعث في أشراف أقوامهم “Ebenso werden die Propheten entsandt – inmitten der Vornehmsten und Edelsten ihrer Völker.”
Es ist das Gesetz Allahs, Seine Propheten aus den edelsten Schichten ihres Volkes zu erwählen.
Ich möchte euch nun die einflussreichen Vorväter des Propheten ﷺ chronologisch vorstellen, denn sie alle prägten die Geschichte Mekkas tiefgreifend:
Qusayy gilt als der wahre Begründer der mekkanischen Epoche. Qusayy schaffte das Unmögliche: Er verwandelte Mekka von einer unbedeutenden Siedlung in eine echte, strukturierte Stadt. Er war der Erste, der feste Häuser aus Stein errichten ließ.
Er errichtete das “Regierungsgebäude” – die Dar al-Nadwah (دار الندوة). Qusayy revolutionierte zudem das Wirtschaftssystem: Er zwang durchreisende Händler zur Zahlung einer Steuer. Aus diesem Grund verteilte Qusayy die wichtigsten Ämter Mekkas vor seinem Tod unter seinen Söhnen auf.
Die Historiker berichten, dass Abd Manaf schon zu Lebzeiten seines Vaters Qusayy eine herausragende Führungsrolle einnahm, obwohl er nicht der Älteste war. Er strukturierte Mekka stadtplanerisch neu und teilte es in Viertel ein. Ein Dichter rühmte ihn später mit den Worten:
كانت قريش بيضة فتفلقت *** فالمح كان خالصها لعبد مناف “Quraisch war wie ein Ei, das sich spaltete – und Abd Manaf war der reine, wertvolle Dotter darin.”
Sein eigentlicher Name war nicht Hashim, sondern er wurde so genannt, weil er in Hungerjahren Brotlaibe in Brühe zerbröckelte. Hashim war ein Genie der Diplomatie! Er begründete die berühmten Karawanenreisen des Winters und des Sommers. Hashim schloss auf der gesamten Route Friedensabkommen mit allen Wüstenstämmen und reiste persönlich zu den Herrschern von Byzanz, Persien und Abessinien, um Freihandelsabkommen auszuhandeln. Dadurch erlebte Mekka einen gewaltigen Aufschwung.
Abd al-Muttalib besaß eine unantastbare Autorität. Seine Stellung war so gefestigt, dass später beim Vertrag von Hudaibiyyah der Unterhändler Budail ibn Warqa’ (بديل بن ورقاء) voller Empörung rief:
أيدخل البيت لخم وجذام ويمنع منه ابن عبدالمطلب ؟! “Sollen etwa Stämme wie Lakhm und Judham das Heilige Haus betreten dürfen, aber der Enkel von Abd al-Muttalib wird davon ausgeschlossen?!”
Und in der Schlacht von Hunayn rief der Prophet ﷺ furchtlos als Schlachtruf:
أنا النبي لا كذب ، أنا ابن عبدالمطلب “Ich bin der Prophet, das ist keine Lüge! Ich bin der Sohn von Abd al-Muttalib!”
Der Höhepunkt in Abd al-Muttalibs Leben war zweifelsohne die Wiederentdeckung des heiligen Brunnens Zamzam (زمزم). Abd al-Muttalib sah im Traum jemanden, der ihm zurief:
احفر برة! احفر طيبة! احفر زمزم! “Grabe Barrah! Grabe Taybah! Grabe Zamzam!”
Als er den Brunnen freilegte, forderte Quraisch einen Anteil. Der Streit eskalierte, bis sie beschlossen, zu einer Wahrsagerin in die Wüste zu reiten. Auf dem Weg verirrten sie sich und ihr Wasser ging zur Neige. Sie gaben die Hoffnung auf, doch Abd al-Muttalib weigerte sich:
لا والله ليس هذا بالعزم “Nein, bei Allah! Das ist ein Zeichen von Schwäche und kein guter Entschluss!”
Als er aufstand, sprudelte genau unter den Hufen seines Kamels Wasser aus dem Boden! Quraisch überließ ihm den Brunnen ohne weitere Widerrede.
Der Vater des Propheten ﷺ, Abdullah, wurde durch die Geschichte seiner Fast-Opferung berühmt. Abd al-Muttalib hatte Allah geschworen, einen seiner Söhne zu opfern. Jedes Mal fiel das Los auf seinen Lieblingssohn Abdullah. Anstatt sich dem “göttlichen Urteil” ihrer Götzen zu beugen, ließen sie die Pfeile immer wieder neu ziehen. Wie der Quran sagt:
﴿وَمَن يَرْغَبُ عَن مِّلَّةِ إِبْرَاهِيمَ إِلَّا مَن سَفِهَ نَفْسَهُ﴾ „Und wer verschmäht die Religion Ibrahims, außer wer sich selbst zu einem Toren macht?“ (Surah Al-Baqarah: 130)
Um eine Ausflucht zu finden, gingen sie zu einer Wahrsagerin, die anordnete, das Los zwischen Abdullah und zehn Kamelen zu ziehen. Erst als einhundert Kamele auf der anderen Seite standen, fiel das Los auf die Tiere. Abdullah war gerettet.
Wenn wir den Stammbaum des Gesandten Allahs ﷺ betrachten, sehen wir, dass jeder einzelne seiner Vorväter durch eine gewaltige Errungenschaft berühmt wurde. Deshalb ist der Stammbaum des Propheten ﷺ der reinste, ehrenvollste und edelste Stammbaum der Menschheitsgeschichte.
In the name of Allah, the Most Gracious, the Most Merciful.
الحمد لله المعيدِ المُبدِي *** معطي النوالِ كلَّ من يستجدي
“All praise is due to Allah, the Originator and Restorer, Who grants every seeker what they ask for.”
These are lessons on the prophetic Seerah that I began on October 21, 2023 (6th Rabi’ al-Akhir 1445 after the Hijrah). Allah supported me, so that I have completed 101 sessions so far, and the series will continue, Allah willing.
I deliberately chose a different approach in these lessons. This is not a mere historical enumeration of events in the Seerah or the simple verification of chains of transmission. Rather, it is an attempt at a reading from which we draw lessons that help us reform the current reality of the Ummah. As for merely listing and memorizing the events, among the earlier and contemporary scholars there are those who are far more knowledgeable and better in this than I am—may Allah benefit the Ummah through their knowledge.
However, since knowledge is only preserved through recording and remembering, and this is best done through the written word, we decided to transfer these originally spoken lessons into written form. Thus, the reader can easily study, recapitulate, and internalize the content. May Allah assist us in this work.
Before I begin with our actual topic, we must remember the severe catastrophe that our brothers and sisters in Gaza (غزة) are currently enduring.
You surely know the famous didactic poem “Ta’iyyat al-Ilbiri” (تائية الإلبيري), which a great Andalusian imam wrote for the seeker of knowledge. It is a long, beautiful poem that every student should know. What concerns me here in particular, however, are the following lines:
إِذَا مَا لَمْ يُفِدْكَ العِلْمُ شَيْئاً *** فَخَيْرٌ مِنْهُ أَنْ لَوْ قَدْ جَهِلْتَا وَلَوْ أَلْقَاكَ فَهْمُكَ فِي مَهَاوٍ *** فَلَيْتَكَ ثُمَّ لَيْتَكَ مَا فَهِمْتَا
“If knowledge brings you no benefit,
then it would be better had you remained ignorant.
And if your understanding casts you into an abyss,
oh, how I wish—how I truly wish—you had never understood it!”
Knowledge is acquired in order to act upon it. There is a wonderful book by Al-Khatib al-Baghdadi (الخطيب البغدادي) – I wish all of you would read it – titled: “The Necessity of Acting upon Knowledge”.
If this text – and every other lesson – does not contribute to changing the condition of our Ummah from its current state to something better, then it holds no value whatsoever, neither for me as the writer nor for you as the reader. We must always keep in mind that knowledge is the foundation for action. As Imam Al-Bukhari (الإمام البخاري) masterfully captured it as a chapter heading in his work:
باب العلم قبل القول والعمل
“Chapter: Knowledge before Word and Deed”
What is happening in Gaza, Palestine (فلسطين), and other countries is the direct result of the weakness of this Ummah. It is the bitter fruit of having forgotten the divine responsibility entrusted to it.
You undoubtedly know that since the drowning of Pharaoh (فرعون), Allah has placed the responsibility of preserving the Message on the shoulders of a community. Allah no longer saves the believers through pure miracles from above, and He no longer destroys the oppressors through supernatural catastrophes without the believers acting themselves. The Ummah now carries the Message. If it strives and struggles in the cause of Allah, Allah supports it and assists it with wondrous decrees. However, if it does not strive, it will be overrun and subjugated—even if it carries Islam within itself and holds the Book of Allah in its hands!
That is precisely what happened to the Children of Israel after Prophet Moses (موسى). Although they were the closest to the prophets at that time, after they deviated, they were overrun by the Amalekites under the leadership of Jalut (جالوت), driven out of the Holy Land, and robbed of their sanctuaries. The history of the Children of Israel is treated in such detail in the Holy Quran precisely to teach us this lesson: There must be a community that actively carries the Message. Allah says as a warning:
﴿مَثَلُ الَّذِينَ حُمِّلُوا التَّوْرَاةَ ثُمَّ لَمْ يَحْمِلُوهَا كَمَثَلِ الْحِمَارِ يَحْمِلُ أَسْفَارًا﴾
“The example of those who were entrusted with the Torah and then did not uphold it is like that of a donkey carrying volumes [of books].” (Surah Al-Jumu’ah: 5)
This is a warning example for us—the Ummah of Muhammad—if we abandon our Message. Allah revealed the Book to this Ummah and entrusted it with the Message so that it works to make this religion victorious. If it fails to do so, it will be defeated and oppressed—even by peoples to whom it should be superior in its spiritual closeness to Allah. And so Muslims today across the world have become easy prey for any aggressor!
With this bitter reality before our eyes, we now open the study of the prophetic Seerah.
Many people do not know the exact lineage of our Prophet Muhammad ﷺ by heart. I would like to state it for you here, for his noble lineage is:
Muhammad ibn Abdillah ibn Abd al-Muttalib ibn Hashim
ibn Abd Manaf ibn Qusayy ibn Kilab ibn Murrah
ibn Ka’b ibn Lu’ayy ibn Ghalib ibn Fihr ibn Malik
ibn al-Nadr ibn Kinanah ibn Khuzaimah ibn Mudrikah
ibn Ilyas ibn Mudar ibn Nizar ibn Ma’ad ibn Adnanمُحَمَّد بْنُ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ بْنِ هَاشِمِ
بْنِ عَبْدِ مَنَافِ بْنِ قُصَيِّ بْنِ كِلَابِ بْنِ مُرَّةَ
بْنِ كَعْبِ بْنِ لُؤَيِّ بْنِ غَالِبِ بْنِ فِهْرِ بْنِ مَالِكِ
بْنِ النَّضْرِ بْنِ كِنَانَةَ بْنِ خُزَيْمَةَ بْنِ مُدْرِكَةَ
بْنِ إِلْيَاسَ بْنِ مُضَرَ بْنِ نِزَارِ بْنِ مَعَدِّ بْنِ عَدْنَانَ
Do not be intimidated by this majestic family tree! If you repeat it a few times to yourself, it will be easy to memorize.
I divide the lineage of the Prophet ﷺ into three clear sections:
I would like to tell you a fine anecdote in this context: A man once claimed that he knew the exact lineage of all human beings without gaps back to Adam. He went to Ali ibn Abi Talib (علي بن أبي طالب) and boasted: “I am the most knowledgeable genealogist among mankind!” Ali calmly countered: “How can that be, when Allah says in the Quran:”
﴿وَعَادًا وَثَمُودَ وَأَصْحَابَ الرَّسِّ وَقُرُونًا بَيْنَ ذَلِك كَثِيرًا﴾
“And [We destroyed] ’Aad and Thamud and the companions of Ar-Rass and many generations in between.” (Surah Al-Furqan: 38)
The man persisted and said: “I also know the lineage of those generations!” Thereupon Ali recited the verse from Surah Ibrahim:
﴿أَلَمْ يَأْتِكُمْ نَبَأُ الَّذِينَ مِن قَبْلِكُمْ قَوْمِ نُوحٍ وَعَادٍ وَثَمُودَ وَالَّذِينَ مِن بَعْدِهِمْ لَا يَعْلَمُهُمْ إِلَّا اللَّهُ﴾
“Has there not reached you the news of those before you—the people of Noah and ’Aad and Thamud and those after them? None knows them except Allah.” (Surah Ibrahim: 9)
At that, the man fell silent in shame! This shows us the brilliant ability of our master Ali to cite the Quran as an unassailable proof.
I would like to emphasize something important here: There is an immense difference between merely memorizing the Quran and possessing the intellectual gift of citing the exact right verse as proof at the precise moment.
Regarding Al-Muzani (المزني), the prominent student of Imam Al-Shafi’i (الشافعي), it was once said:
ما رأينا أنزع لرأيه من كتاب الله من المزني
“We have seen no one who could support his theological opinion more appropriately from the Book of Allah than Al-Muzani.”
You certainly also know the famous incident of Abu Yusuf (أبو يوسف), the student of Abu Hanifah (أبو حنيفة). One of his teachers asked him: “What do you say, O Abu Yusuf, regarding this specific issue?” Abu Yusuf stated his ruling. The teacher followed up: “And what is your proof?” Abu Yusuf cited a statement of the Prophet ﷺ. Thereupon the teacher exclaimed:
والله إني لأعلم هذا الحديث قبل أن تخلق في بطن أمك!
“By Allah! I knew this Hadith before you were even created in your mother’s womb!”
This illustrates: Merely knowing a text is not the same as sharply deriving rulings from it.
What specific benefit do we draw from knowing the prophetic family tree?
First, it helps us historically decode the eras and generations of the Arabs. As a rule, three forefathers cover about a century. Through the family tree of the Prophet ﷺ up to Adnan, we can thus place almost all eras in which these Arabs lived chronologically.
The exploration of Arab conditions during the Jahiliyyah is a vast field. I refer here particularly to the famous Iraqi scholar Dr. Jawad Ali (جواد علي). His monumental work “Al-Mufassal fi Tarikh al-Arab qabl al-Islam” is the most extensive research work on the affairs of the Arabs in the Pre-Islamic Era of Ignorance.
If you internalize this family tree, you will understand countlessly complex events in the prophetic Seerah. Let me give you three examples:
1. Proof against Nationalism
As I mentioned, the authenticated family tree of the Prophet ﷺ ends at Adnan. However, the lineage of the Ansar (the Helpers from Medina) goes back to Qahtan (قحطان). If you now see that the Prophet was an Adnanite, but his most devoted helpers were Qahtanites, you immediately realize: Islam could not possibly be a tribal or nationalistic call!
Similarly, you can only fully grasp the true greatness of the Ansar toward the Emigrants in the Hall of Banu Sa’idah (سقيفة بني ساعدة) through this. The Prophet ﷺ said:
الأئمة من قريش
“The leaders are from Quraysh.”
And Abu Bakr (أبو بكر) explained regarding this:
إن هذا الأمر لا تعرفه العرب إلا لهذا الحي من قريش هم أوسط العرب نسبا ودارا
“The Arabs will not recognize leadership in this matter except for this tribe of Quraysh; they form the middle of the Arabs in terms of lineage and home.”
The Ansar submitted to this sociological reality and said: “Just as we were the helpers of the Messenger of Allah, so we are now the helpers of his successor.”
2. The Blind Fanaticism for Musaylimah the Liar
Another example is the statement of that man from the tribe of Banu Hanifah (بنو حنيفة) who followed Musaylimah (مسيلمة) the Liar. He said completely bluntly:
والله إني لأعلم أن محمدا صادق وأن مسيلمة كذاب ، ولكن كذاب ربيعة أحب إلينا من صادق مضر
“By Allah! I know full well that Muhammad speaks the truth and that Musaylimah is a liar. But a liar from Rabi’ah is dearer to us than a truthful man from Mudar!”
You can only understand this extremely fanatical statement if you bear in mind that Mudar (مضر) was one of the forefathers of the Prophet ﷺ, while Rabi’ah (ربيعة) was his historical counterpart. The tribal hatred was so great that they followed the lie with open eyes.
3. Divine Selection and the Envy of Abu Jahl
Also, the deeper meaning of the following statement of the Prophet ﷺ reveals itself to you only through knowledge of the genealogy:
إن الله اصطفى كنانة من ولد إسماعيل ، واصطفى قريشا من كنانة ، واصطفى من قريش بني هاشم ، واصطفاني من بني هاشم
“Indeed, Allah chose Kinanah from the descendants of Ismail. He chose Quraysh from Kinanah. He chose Banu Hashim from Quraysh, and He chose me from Banu Hashim.” (And in another narration: “So I am the best of the best of the best.”)
Finally, you will also not understand the bloody internal conflict that raged in Mecca without this knowledge. You all know the famous, hate-filled statement of Abu Jahl (أبو جهل):
لقد تنازعنا وبني عبد مناف الشرف ، أطعموا فأطعمنا ، وسقوا فسقينا ، حتى إذا تحاذت منا الركب وكنا كفرسي رهان ، قالوا: منا نبي ! فأنى يكون لنا ذلك ؟!
“We and Banu Abd Manaf contested fiercely for honor. They fed the people, so we fed them. They gave water to drink, so we gave water to drink. Until we were neck and neck like two racehorses. Then they said: ‘We have a prophet!’ How on earth can we ever catch up to that?!”
You only understand this bitter rivalry when you know that Abu Jahl did not belong to the noble lineage. Abu Jahl stemmed from Banu Makhzum (بنو مخزوم). And Banu Makhzum only meet the Prophet’s ﷺ lineage at the forefather Murrah (مرة).
A similar incident occurred when Utbah ibn Rabi’ah (عتبة بن ربيعة) came to the Prophet ﷺ and provoked him:
يا محمد ، أنا خير أم عبدالمطلب ؟!
“O Muhammad, are you better or is Abd al-Muttalib better?!”
The Prophet ﷺ remained silent. Thereupon Utbah said:
إن كنت تزعم أنهم خير منك ، فقد عبدوا الآلهة التي عبت ، وإن كنت تزعم أنك خير منهم فتكلم نسمعك
“If you claim that they are better than you, then know: They worshipped those idols that you now curse! And if you claim that you are better than they are, then speak so that we may hear you.”
You can only grasp the psychological subtlety behind Utbah’s attack—why he chose Abd al-Muttalib specifically for comparison—when you know the sequence of the prophetic family tree.
Learning the lineage of the Prophet ﷺ also makes it immensely easier for you to understand the lineages of the Companions. They meet the Prophet ﷺ at a specific point with one of his forefathers.
Thus, in the course of the Seerah, we will realize why Abu Bakr (أبو بكر) specifically could render such invaluable strategic services to the Islamic call. He was the most knowledgeable genealogist of Quraysh. To put it in modern terms: In the early period, Abu Bakr functioned as a highly intelligent “intelligence service” and a brilliant “information and media apparatus” for the Dawah!
The flawless, noble lineage was the very first asset and fundamental qualification for the acceptance of Muhammad’s ﷺ Message. When the Messenger of Allah ﷺ sent his famous letter to Heraclius, the ruler of Byzantium, he wrote:
من محمد رسول الله إلى هرقل عظيم الروم ، أسلم تسلم ، أسلم يؤتك الله أجرك مرتين ، فإن توليت فعليك إثم الآريسيين
“From Muhammad, the Messenger of Allah, to Heraclius, the Great of the Romans. Embrace Islam and you will be safe. Embrace Islam and Allah will give you your reward twice over. But if you turn away, then upon you is the sin of the Arisians [the subjects/peasants].”
Heraclius ordered his governors to bring him someone from the land of the Arabs. They brought Abu Sufyan. Heraclius asked him eleven precise questions. His very first question was:
ما نسبه فيكم ؟!
“What is his lineage among you?!”
Abu Sufyan answered: “He is of noble lineage among us.” Thereupon Heraclius concluded:
وكذلك الأنبياء تبعث في أشراف أقوامهم
“Likewise, the prophets are sent—among the most noble of their people.”
It is the law of Allah to choose His prophets from the most noble strata of their people.
I would now like to introduce to you the influential forefathers of the Prophet ﷺ chronologically, for they all deeply shaped the history of Mecca:
Qusayy is considered the true founder of the Meccan era. Qusayy accomplished the impossible: He transformed Mecca from an insignificant settlement into a real, structured city. He was the first to have permanent stone houses built.
He established the “government building”—the Dar al-Nadwah (دار الندوة). Qusayy also revolutionized the economic system: He obliged passing merchants to pay a tax. For this reason, Qusayy distributed the most important offices of Mecca among his sons before his death.
Historians report that Abd Manaf already assumed an outstanding leadership role during the lifetime of his father Qusayy, although he was not the eldest. He urbanistically restructured Mecca and divided it into quarters. A poet later praised him with the words:
كانت قريش بيضة فتفلقت *** فالمح كان خالصها لعبد مناف
“Quraysh was like an egg that split open—and Abd Manaf was the pure, precious yolk within it.”
His actual name was not Hashim, but he was called so because in years of famine he crumbled loaves of bread into broth (hasham). Hashim was a genius of diplomacy! He established the famous caravan journeys of winter and summer. Hashim concluded non-aggression pacts along the entire route with all desert tribes and personally traveled to the rulers of Byzantium, Persia, and Abyssinia to negotiate free trade agreements. As a result, Mecca experienced a massive boom.
Abd al-Muttalib possessed unassailable authority. His position was so firm that later at the Treaty of Hudaibiyyah, the negotiator Budayl ibn Warqa’ (بديل بن ورقاء) exclaimed in outrage:
أيدخل البيت لخم وجذام ويمنع منه ابن عبدالمطلب ؟!
“Are tribes like Lakhm and Judham allowed to enter the Holy House, but the grandson of Abd al-Muttalib is excluded from it?!”
And in the Battle of Hunayn, the Prophet ﷺ fearlessly shouted as a battle cry:
أنا النبي لا كذب ، أنا ابن عبدالمطلب
“I am the Prophet, that is no lie! I am the son of Abd al-Muttalib!”
The climax in Abd al-Muttalib’s life was undoubtedly the rediscovery of the sacred well of Zamzam (زمزم). Abd al-Muttalib saw someone in a dream calling out to him:
احفر برة! احفر طيبة! احفر زمزم!
“Dig Barrah! Dig Taybah! Dig Zamzam!”
When he uncovered the well, Quraysh demanded a share. The dispute escalated until they decided to ride out to a fortune teller in the desert. On the way, they got lost and their water ran out. They gave up hope, but Abd al-Muttalib refused to surrender:
لا والله ليس هذا بالعزم
“No, by Allah! That is a sign of weakness and not a good resolve!”
When he stood up, water gushed out from the ground directly under the hooves of his camel! Quraysh left the well to him without further argument.
The father of the Prophet ﷺ, Abdullah, became famous through the story of his near-sacrifice. Abd al-Muttalib had sworn to Allah to sacrifice one of his sons. Each time, the lot fell on his favorite son, Abdullah. Instead of submitting to the “divine judgment” of their idols, they had the arrows drawn repeatedly. As the Quran says:
﴿وَمَن يَرْغَبُ عَن مِّلَّةِ إِبْرَاهِيمَ إِلَّا مَن سَفِهَ نَفْسَهُ﴾
“And who turns away from the religion of Abraham except one who makes a fool of himself?” (Surah Al-Baqarah: 130)
To find a way out, they went to a fortune teller who instructed that lots be drawn between Abdullah and ten camels. Only when one hundred camels stood on the other side did the lot fall on the animals. Abdullah was saved.
When we examine the family tree of the Messenger of Allah ﷺ, we see that every single one of his forefathers became famous through a great achievement. Therefore, the family tree of the Prophet ﷺ is the purest, most honorable, and most noble family tree in human history.
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Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
الحمد لله المعيدِ المُبدِي *** معطي النوالِ كلَّ من يستجدي
„Alles Lob gebührt Allah, dem Urheber und Wiederhersteller, der jedem Suchenden gewährt, worum er bittet.“
Dies sind Lektionen zur prophetischen Seerah, die ich am 21. Oktober 2023 (dem 6. Rabi’ al-Akhir 1445 nach der Hijra) begonnen habe. Allah hat mir beigestanden, sodass ich bisher 101 Sitzungen abschließen konnte, und die Reihe wird, so Allah will, fortgesetzt.
Ich habe in diesen Lektionen bewusst einen anderen Ansatz gewählt. Es handelt sich hierbei nicht um eine bloße historische Aufzählung von Ereignissen der Seerah oder die bloße Überprüfung von Überlieferungsketten. Vielmehr ist es der Versuch einer Lesart, aus der wir Lehren ziehen, die uns helfen, die heutige Realität der Ummah zu reformieren. Was das reine Aufzählen und Auswendiglernen der Ereignisse angeht, so gibt es unter den früheren und zeitgenössischen Gelehrten jene, die darin weitaus wissender und besser sind als ich – möge Allah der Ummah durch ihr Wissen nützen.
Da Wissen jedoch nur durch das Aufzeichnen und Erinnern bewahrt wird, und dies am besten durch das geschriebene Wort geschieht, haben wir uns entschlossen, diese ursprünglich gesprochenen Lektionen in die schriftliche Form zu übertragen. So kann der Leser die Inhalte leicht studieren, rekapitulieren und verinnerlichen. Möge Allah uns bei diesem Werk beistehen.
Bevor ich mit unserem eigentlichen Thema beginne, müssen wir uns an die schwere Katastrophe erinnern, die unsere Geschwister in Gaza (غزة) gerade durchleben.
Ihr kennt sicherlich das berühmte Lehrgedicht “Ta’iyyat al-Ilbiri” (تائية الإلبيري), das ein großer andalusischer Imam für den Wissenssucher verfasste. Es ist ein langes, wunderschönes Gedicht, das jeder Studierende kennen sollte. Was mich hier jedoch besonders beschäftigt, sind folgende Zeilen:
إِذَا مَا لَمْ يُفِدْكَ العِلْمُ شَيْئاً *** فَخَيْرٌ مِنْهُ أَنْ لَوْ قَدْ جَهِلْتَا وَلَوْ أَلْقَاكَ فَهْمُكَ فِي مَهَاوٍ *** فَلَيْتَكَ ثُمَّ لَيْتَكَ مَا فَهِمْتَا
„Wenn dir das Wissen keinen Nutzen bringt,
dann wäre es besser, du wärst unwissend geblieben.
Und wenn dein Verständnis dich in Abgründe stürzt,
oh, wie sehr ich wünschte, ja wünschte, du hättest es nie verstanden!“
Wissen wird erworben, um danach zu handeln. Es gibt ein wunderbares Buch von Al-Khatib al-Baghdadi (الخطيب البغدادي) – ich wünschte, ihr alle würdet es lesen –, das den Titel trägt: “Die Notwendigkeit des Handelns durch Wissen”.
Wenn dieser Text – und jede andere Lektion – nicht dazu beiträgt, den Zustand unserer Ummah von ihrer jetzigen Lage hin zu etwas Besserem zu verändern, dann hat er weder für mich als Schreibenden noch für euch als Lesende irgendeinen Wert. Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass Wissen das Fundament für die Tat ist. Wie Imam Al-Bukhari (الإمام البخاري) in seinem Werk meisterhaft als Kapitelüberschrift festhielt:
باب العلم قبل القول والعمل „Kapitel: Das Wissen vor dem Wort und der Tat“
Das, was in Gaza, Palästina (فلسطين) und anderen Ländern geschieht, ist das direkte Resultat der Schwäche dieser Ummah. Es ist die bittere Frucht davon, dass sie die ihr anvertraute göttliche Verantwortung vergessen hat.
Ihr wisst zweifellos, dass Allah seit dem Ertrinken des Pharaos (فرعون) die Verantwortung zur Bewahrung der Botschaft auf die Schultern einer Gemeinschaft gelegt hat. Allah rettet die Gläubigen seitdem nicht mehr durch reine Wunder von oben, und Er vernichtet die Unterdrücker nicht mehr durch übernatürliche Katastrophen, ohne dass die Gläubigen selbst handeln. Die Ummah trägt nun die Botschaft. Wenn sie sich auf dem Weg Allahs anstrengt und kämpft, steht Allah ihr bei und unterstützt sie durch wundersame Fügungen. Wenn sie sich jedoch nicht anstrengt, wird sie überrannt und unterjocht – selbst dann, wenn sie den Islam in sich trägt und das Buch Allahs in den Händen hält!
Genau das geschah den Kindern Israels nach Prophet Musa (موسى). Obwohl sie den Propheten damals am nächsten standen, wurden sie – nachdem sie abgewichen waren – von den Amalekitern unter der Führung von Jalut (جالوت) überrannt, aus dem Heiligen Land vertrieben und ihrer Heiligtümer beraubt. Die Geschichte der Kinder Israels wird im Heiligen Quran so ausführlich behandelt, um uns genau diese Lektion zu lehren: Es muss eine Gemeinschaft geben, die die Botschaft aktiv trägt. Allah sagt mahnend:
﴿مَثَلُ الَّذِينَ حُمِّلُوا التَّوْرَاةَ ثُمَّ لَمْ يَحْمِلُوهَا كَمَثَلِ الْحِمَارِ يَحْمِلُ أَسْفَارًا﴾ „Das Gleichnis derer, denen die Thora auferlegt wurde, die sie aber dann nicht trugen, ist das eines Esels, der Bücher trägt.“ (Surah Al-Jumu’ah: 5)
Dies ist ein warnendes Gleichnis für uns – die Ummah Muhammads –, wenn wir unsere Botschaft im Stich lassen. Allah hat dieser Ummah das Buch herabgesandt und ihr die Botschaft anvertraut, damit sie arbeitet, um dieser Religion zum Sieg zu verhelfen. Wenn sie das nicht tut, wird sie besiegt und unterdrückt – selbst von Völkern, denen sie in ihrer spirituellen Nähe zu Allah eigentlich überlegen sein müsste. Und so sind die Muslime heute auf der ganzen Welt zur leichten Beute für jeden Angreifer geworden!
Mit dieser bitteren Realität vor Augen eröffnen wir nun das Studium über die prophetische Seerah.
Viele Menschen kennen die genaue Abstammungslinie unseres Propheten Muhammad ﷺ nicht auswendig. Ich möchte sie euch hier nennen, denn sein edler Stammbaum lautet:
Muhammad ibn Abdillah ibn Abd al-Muttalib ibn Hashim
ibn Abd Manaf ibn Qusayy ibn Kilab ibn Murrah
ibn Ka’b ibn Lu’ayy ibn Ghalib ibn Fihr ibn Malik
ibn al-Nadr ibn Kinanah ibn Khuzaimah ibn Mudrikah
ibn Ilyas ibn Mudar ibn Nizar ibn Ma’ad ibn Adnanمُحَمَّد بْنُ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ بْنِ هَاشِمِ
بْنِ عَبْدِ مَنَافِ بْنِ قُصَيِّ بْنِ كِلَابِ بْنِ مُرَّةَ
بْنِ كَعْبِ بْنِ لُؤَيِّ بْنِ غَالِبِ بْنِ فِهْرِ بْنِ مَالِكِ
بْنِ النَّضْرِ بْنِ كِنَانَةَ بْنِ خُزَيْمَةَ بْنِ مُدْرِكَةَ
بْنِ إِلْيَاسَ بْنِ مُضَرَ بْنِ نِزَارِ بْنِ مَعَدِّ بْنِ عَدْنَانَ
Lasst euch von diesem majestätischen Stammbaum nicht abschrecken! Wenn ihr ihn einige Male für euch wiederholt, wird er leicht einzuprägen sein.
Ich teile den Stammbaum des Propheten ﷺ in drei klare Abschnitte ein:
Ich erzähle euch in diesem Zusammenhang gerne eine feine Anekdote: Ein Mann behauptete einst, er kenne die Abstammung aller Menschen lückenlos bis Adam. Er ging zu Ali ibn Abi Talib (علي بن أبي طالب) und prahlte: “Ich bin der kundigste Genealoge der Menschen!” Ali entgegnete ihm ruhig: “Wie kann das sein, wo Allah doch im Quran sagt:”
﴿وَعَادًا وَثَمُودَ وَأَصْحَابَ الرَّسِّ وَقُرُونًا بَيْنَ ذَلِكَ كَثِيرًا﴾ ‚Und die Ad und die Thamud und die Leute von Ar-Rass und viele Geschlechter dazwischen.‘ (Surah al-Furqan: 38)
Der Mann ließ nicht locker und sagte: “Ich kenne auch die Abstammung dieser Geschlechter!” Daraufhin rezitierte Ali den Vers aus Surah Ibrahim:
﴿أَلَمْ يَأْتِكُمْ نَبَأُ الَّذِينَ مِن قَبْلِكُمْ قَوْمِ نُوحٍ وَعَادٍ وَثَمُودَ وَالَّذِينَ مِن بَعْدِهِمْ لَا يَعْلَمُهُمْ إِلَّا اللَّهُ﴾ „Ist nicht die Kunde von denen, die vor euch waren, zu euch gekommen, dem Volk Nuhs, den Ad und Thamud und denjenigen nach ihnen? Niemand kennt sie außer Allah.“ (Surah Ibrahim: 9)
Da verstummte der Mann beschämt! Dies zeigt uns die brillante Fähigkeit unseres Meisters Ali, den Quran als unbestechlichen Beweis anzuführen.
Ich möchte hier etwas Wichtiges betonen: Es gibt einen gewaltigen Unterschied dazwischen, den Quran lediglich auswendig zu lernen, und der intellektuellen Gabe, im exakt richtigen Moment den passenden Vers als Beweis anzuführen.
Über Al-Muzani (المزني), den herausragenden Schüler von Imam Al-Shafi’i (الشافعي), sagte man einst:
ما رأينا أنزع لرأيه من كتاب الله من المزني “Wir haben niemanden gesehen, der seine theologische Meinung treffender mit dem Buch Allahs belegen konnte als Al-Muzani.”
Ihr kennt sicherlich auch die berühmte Begebenheit von Abu Yusuf (أبو يوسف), dem Schüler von Abu Hanifah (أبو حنيفة). Einer seiner Lehrer fragte ihn: “Was sagst du, o Abu Yusuf, zu dieser spezifischen Fragestellung?” Abu Yusuf nannte sein Urteil. Der Lehrer hakte nach: “Und was ist dein Beweis?” Abu Yusuf zitierte eine Aussage des Propheten ﷺ. Daraufhin rief der Lehrer:
والله إني لأعلم هذا الحديث قبل أن تخلق في بطن أمك! “Bei Allah! Ich kannte diesen Hadith schon, bevor du überhaupt im Bauch deiner Mutter erschaffen wurdest!”
Dies verdeutlicht: Das bloße Kennen eines Textes ist nicht dasselbe wie das scharfsinnige Ableiten von Urteilen daraus.
Welchen konkreten Nutzen ziehen wir nun aus der Kenntnis des prophetischen Stammbaums?
Erstens hilft er uns, die Zeitalter und Generationen der Araber historisch zu entschlüsseln. In der Regel umfassen drei Vorväter etwa ein Jahrhundert. Durch den Stammbaum des Propheten ﷺ bis Adnan können wir somit fast alle Epochen, in denen diese Araber lebten, zeitlich einordnen.
Die Erforschung der arabischen Zustände in der Jahiliyya ist ein weites Feld. Ich verweise hier besonders auf den berühmten irakischen Gelehrten Dr. Jawad Ali (جواد علي). Sein monumentales Werk “Al-Mufassal fi Tarikh al-Arab qabl al-Islam” ist die umfangreichste Forschungsarbeit zu den Angelegenheiten der Araber in der Zeit der Unwissenheit.
Wenn ihr diesen Stammbaum verinnerlicht, werdet ihr unzählige komplexe Ereignisse in der prophetischen Seerah verstehen. Lasst mich euch drei Beispiele geben:
1. Der Beweis gegen Nationalismus Wie ich erwähnte, endet der gesicherte Stammbaum des Propheten ﷺ bei Adnan. Die Abstammung der Ansar (die Helfer aus Medina) geht jedoch auf Qahtan (قحطان) zurück. Wenn ihr nun seht, dass der Prophet ein Adnanit war, seine hingebungsvollsten Helfer jedoch Qahtaniten waren, begreift ihr sofort: Der Islam konnte unmöglich ein tribaler oder nationalistischer Aufruf sein!
Ebenso könnt ihr die wahre Größe der Ansar gegenüber den Auswanderern in der Hütte der Banu Sa’idah (سقيفة بني ساعدة) nur so in Gänze begreifen. Der Prophet ﷺ sagte:
الأئمة من قريش “Die Anführer stammen aus Quraisch.”
Und Abu Bakr (أبو بكر) erklärte dazu:
إن هذا الأمر لا تعرفه العرب إلا لهذا الحي من قريش هم أوسط العرب نسبا ودارا “Die Araber werden in dieser Angelegenheit nur diesem Stamm aus Quraisch gehorchen; sie bilden die Mitte der Araber in Bezug auf Abstammung und Heimat.”
Die Ansar ergaben sich dieser soziologischen Realität und sagten: “So wie wir die Helfer des Gesandten Allahs waren, so sind wir nun die Helfer seines Nachfolgers.”
2. Der blinde Fanatismus für Musailamah den Lügner Ein weiteres Beispiel ist die Aussage jenes Mannes aus dem Stamm Banu Hanifah (بنو حنيفة), der Musailamah (مسيلمة) dem Lügner folgte. Er sagte völlig unverblümt:
والله إني لأعلم أن محمدا صادق وأن مسيلمة كذاب ، ولكن كذاب ربيعة أحب إلينا من صادق مضر “Bei Allah! Ich weiß ganz genau, dass Muhammad die Wahrheit spricht und dass Musailamah ein Lügner ist. Aber ein Lügner aus Rabi’ah ist uns lieber als ein Wahrhaftiger aus Mudar!”
Ihr könnt diese extrem fanatische Aussage unmöglich verstehen, wenn ihr nicht im Kopf habt, dass Mudar (مضر) einer der Vorväter des Propheten ﷺ war, während Rabi’ah (ربيعة) sein historisches Gegenstück bildete. Der tribalistische Hass war so groß, dass sie sehenden Auges der Lüge folgten.
3. Die göttliche Auslese und der Neid des Abu Jahl Auch die tiefere Bedeutung des folgenden Ausspruchs des Propheten ﷺ erschließt sich euch nur durch die Kenntnis der Genealogie:
إن الله اصطفى كنانة من ولد إسماعيل ، واصطفى قريشا من كنانة ، واصطفى من قريش بني هاشم ، واصطفاني من بني هاشم “Wahrlich, Allah hat Kinanah aus den Nachkommen Ismails auserwählt. Er hat Quraisch aus Kinanah auserwählt. Er hat die Banu Hashim aus Quraisch auserwählt, und Er hat mich aus den Banu Hashim auserwählt.” (Und in einer anderen Überlieferung: “فأنا خيار من خيار من خيار - So bin ich das Beste vom Besten vom Besten.”)
Schließlich werdet ihr auch den blutigen internen Konflikt, der in Mekka tobte, ohne dieses Wissen nicht begreifen. Ihr alle kennt die berühmte, hasserfüllte Aussage von Abu Jahl (أبو جهل):
لقد تنازعنا وبني عبد مناف الشرف ، أطعموا فأطعمنا ، وسقوا فسقينا ، حتى إذا تحاذت منا الركب وكنا كفرسي رهان ، قالوا: منا نبي ! فأنى يكون لنا ذلك ؟! “Wir und die Banu Abd Manaf stritten uns erbittert um die Ehre. Sie speisten die Menschen, also speisten wir sie. Sie gaben ihnen zu trinken, also gaben wir ihnen zu trinken. Bis wir auf gleicher Höhe waren wie zwei Rennpferde, Kopf an Kopf. Da sagten sie plötzlich: ‚Wir haben einen Propheten!‘ Wie um alles in der Welt sollen wir das jemals einholen?”
Ihr versteht diese verbitterte Rivalität nur, wenn ihr wisst, dass Abu Jahl nicht zu der edlen Abstammungslinie gehörte. Abu Jahl stammte aus den Banu Makhzum (بنو مخزوم). Und die Banu Makhzum treffen erst bei dem Vorvater Murrah (مرة) wieder mit dem Stammbaum des Propheten ﷺ zusammen.
Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich, als Utbah ibn Rabi’ah (عتبة بن ربيعة) zum Propheten ﷺ kam und ihn provozierte:
يا محمد ، أنا خير أم عبدالمطلب ؟! “O Muhammad, bist du besser oder ist Abd al-Muttalib besser?!”
Der Prophet ﷺ schwieg. Daraufhin sagte Utbah:
إن كنت تزعم أنهم خير منك ، فقد عبدوا الآلهة التي عبت ، وإن كنت تزعم أنك خير منهم فتكلم نسمعك “Wenn du behauptest, dass sie besser sind als du, dann wisse: Sie beteten jene Götzen an, die du nun verfluchst! Und wenn du behauptest, du seist besser als sie, dann sprich, damit wir dich hören.”
Ihr könnt die psychologische Finesse hinter Utbahs Angriff – warum er ausgerechnet Abd al-Muttalib als Vergleich wählte – nur begreifen, wenn ihr die Abfolge des prophetischen Stammbaums kennt.
Das Erlernen der Abstammung des Propheten ﷺ erleichtert es euch auch immens, die Abstammungslinien der Gefährten zu verstehen. Sie treffen an einem bestimmten Punkt mit einem der Vorväter des Propheten ﷺ zusammen.
So werden wir im Verlauf der Seerah erkennen, warum gerade Abu Bakr (أبو بكر) dem islamischen Ruf strategisch so unschätzbare Dienste erweisen konnte. Er war der kundigste Genealoge von Quraisch. Um es modern auszudrücken: Abu Bakr fungierte in der Frühzeit als hochintelligenter „Geheimdienst“ und brillanter „Informations- und Medienapparat“ der Dawah!
Die makellose, edle Abstammung war das allererste Kapital und die fundamentale Qualifikation für die Akzeptanz von Muhammads ﷺ Botschaft. Als der Gesandte Allahs ﷺ seinen berühmten Brief an Heraklios, den Herrscher von Byzanz, schickte, schrieb er:
من محمد رسول الله إلى هرقل عظيم الروم ، أسلم تسلم ، أسلم يؤتك الله أجرك مرتين ، فإن توليت فعليك إثم الآريسيين “Von Muhammad, dem Gesandten Allahs, an Heraklios, den Großen der Römer. Nimm den Islam an, so wirst du gerettet. Nimm den Islam an, und Allah gibt dir deinen Lohn doppelt. Wenn du dich jedoch abwendest, so trägst du die Sünde der Arisier [der Bauern/Untertanen].”
Heraklios befahl seinen Gouverneuren, ihm jemanden aus dem Land der Araber zu bringen. Man brachte Abu Sufyan. Heraklios stellte ihm elf präzise Fragen. Seine allererste Frage lautete:
ما نسبه فيكم ؟! “Wie ist seine Abstammung unter euch?!”
Abu Sufyan antwortete: “Er ist von edler Abstammung unter uns.” Daraufhin schlussfolgerte Heraklios:
وكذلك الأنبياء تبعث في أشراف أقوامهم “Ebenso werden die Propheten entsandt – inmitten der Vornehmsten und Edelsten ihrer Völker.”
Es ist das Gesetz Allahs, Seine Propheten aus den edelsten Schichten ihres Volkes zu erwählen.
Ich möchte euch nun die einflussreichen Vorväter des Propheten ﷺ chronologisch vorstellen, denn sie alle prägten die Geschichte Mekkas tiefgreifend:
Qusayy gilt als der wahre Begründer der mekkanischen Epoche. Qusayy schaffte das Unmögliche: Er verwandelte Mekka von einer unbedeutenden Siedlung in eine echte, strukturierte Stadt. Er war der Erste, der feste Häuser aus Stein errichten ließ.
Er errichtete das “Regierungsgebäude” – die Dar al-Nadwah (دار الندوة). Qusayy revolutionierte zudem das Wirtschaftssystem: Er zwang durchreisende Händler zur Zahlung einer Steuer. Aus diesem Grund verteilte Qusayy die wichtigsten Ämter Mekkas vor seinem Tod unter seinen Söhnen auf.
Die Historiker berichten, dass Abd Manaf schon zu Lebzeiten seines Vaters Qusayy eine herausragende Führungsrolle einnahm, obwohl er nicht der Älteste war. Er strukturierte Mekka stadtplanerisch neu und teilte es in Viertel ein. Ein Dichter rühmte ihn später mit den Worten:
كانت قريش بيضة فتفلقت *** فالمح كان خالصها لعبد مناف “Quraisch war wie ein Ei, das sich spaltete – und Abd Manaf war der reine, wertvolle Dotter darin.”
Sein eigentlicher Name war nicht Hashim, sondern er wurde so genannt, weil er in Hungerjahren Brotlaibe in Brühe zerbröckelte. Hashim war ein Genie der Diplomatie! Er begründete die berühmten Karawanenreisen des Winters und des Sommers. Hashim schloss auf der gesamten Route Friedensabkommen mit allen Wüstenstämmen und reiste persönlich zu den Herrschern von Byzanz, Persien und Abessinien, um Freihandelsabkommen auszuhandeln. Dadurch erlebte Mekka einen gewaltigen Aufschwung.
Abd al-Muttalib besaß eine unantastbare Autorität. Seine Stellung war so gefestigt, dass später beim Vertrag von Hudaibiyyah der Unterhändler Budail ibn Warqa’ (بديل بن ورقاء) voller Empörung rief:
أيدخل البيت لخم وجذام ويمنع منه ابن عبدالمطلب ؟! “Sollen etwa Stämme wie Lakhm und Judham das Heilige Haus betreten dürfen, aber der Enkel von Abd al-Muttalib wird davon ausgeschlossen?!”
Und in der Schlacht von Hunayn rief der Prophet ﷺ furchtlos als Schlachtruf:
أنا النبي لا كذب ، أنا ابن عبدالمطلب “Ich bin der Prophet, das ist keine Lüge! Ich bin der Sohn von Abd al-Muttalib!”
Der Höhepunkt in Abd al-Muttalibs Leben war zweifelsohne die Wiederentdeckung des heiligen Brunnens Zamzam (زمزم). Abd al-Muttalib sah im Traum jemanden, der ihm zurief:
احفر برة! احفر طيبة! احفر زمزم! “Grabe Barrah! Grabe Taybah! Grabe Zamzam!”
Als er den Brunnen freilegte, forderte Quraisch einen Anteil. Der Streit eskalierte, bis sie beschlossen, zu einer Wahrsagerin in die Wüste zu reiten. Auf dem Weg verirrten sie sich und ihr Wasser ging zur Neige. Sie gaben die Hoffnung auf, doch Abd al-Muttalib weigerte sich:
لا والله ليس هذا بالعزم “Nein, bei Allah! Das ist ein Zeichen von Schwäche und kein guter Entschluss!”
Als er aufstand, sprudelte genau unter den Hufen seines Kamels Wasser aus dem Boden! Quraisch überließ ihm den Brunnen ohne weitere Widerrede.
Der Vater des Propheten ﷺ, Abdullah, wurde durch die Geschichte seiner Fast-Opferung berühmt. Abd al-Muttalib hatte Allah geschworen, einen seiner Söhne zu opfern. Jedes Mal fiel das Los auf seinen Lieblingssohn Abdullah. Anstatt sich dem “göttlichen Urteil” ihrer Götzen zu beugen, ließen sie die Pfeile immer wieder neu ziehen. Wie der Quran sagt:
﴿وَمَن يَرْغَبُ عَن مِّلَّةِ إِبْرَاهِيمَ إِلَّا مَن سَفِهَ نَفْسَهُ﴾ „Und wer verschmäht die Religion Ibrahims, außer wer sich selbst zu einem Toren macht?“ (Surah Al-Baqarah: 130)
Um eine Ausflucht zu finden, gingen sie zu einer Wahrsagerin, die anordnete, das Los zwischen Abdullah und zehn Kamelen zu ziehen. Erst als einhundert Kamele auf der anderen Seite standen, fiel das Los auf die Tiere. Abdullah war gerettet.
Wenn wir den Stammbaum des Gesandten Allahs ﷺ betrachten, sehen wir, dass jeder einzelne seiner Vorväter durch eine gewaltige Errungenschaft berühmt wurde. Deshalb ist der Stammbaum des Propheten ﷺ der reinste, ehrenvollste und edelste Stammbaum der Menschheitsgeschichte.
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