Visual HistoryChronik des islamischen Imperiums
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Wieso heiratete der Propheten ﷺ so viele Frauen?

Dr. Muhammad Elhamy · 15 Min. Lesezeit

Text-Status: In Bearbeitung

Wie konnte der Prophet 11 Frauen heiraten, eine von ihnen minderjährig?

Eine historische Gesamtanalyse über die Ehen des Propheten Muhammad ﷺ, die Widerlegung von falschen Anschuldigungen und die Bedeutung der Hijra aus der Analyseperspektive von Dr. Muhammad Elhamy.


1. Einleitung: Die Methodik der Vorurteilsüberwindung und Geistesstärke

In der Analyse historischer Persönlichkeiten und religiöser Fundamente begegnen wir immer wieder Versuchen, das Leben des Propheten Muhammad ﷺ durch das Aufwerfen von Zweifeln rund um seine Eheschließungen zu diskreditieren. Wer die Debatte um seine elf Ehefrauen oder die Ehe mit unserer Mutter Aisha bint Abi Bakr (عَائِشَةُ بِنْتُ أَبِي بَكْرٍ) öffnet, verfolgt meist das Ziel, ihn als eine von Gelüsten getriebene Persönlichkeit darzustellen, um dadurch seinen prophetischen Rang und seine moralische Erhabenheit anzuzweifeln.

Um dieses Thema wissenschaftlich fundiert und souverän zu durchdringen, müssen wir uns an den weisen Rat erinnern, den Sheikh al-Islam Ibn Taymiyyah seinem Schüler Ibn al-Qayyim mit auf den Weg gab:

«لَا تَجْعَلْ قَلْبَكَ لِلشُّبُهَاتِ كَالإِسْفَنْجَةِ فَيَتَشَرَّبَهَا، وَلَكِنِ اجْعَلْهُ كَالزُّجَاجَةِ الصَّلَّابَةِ تَمُرُّ بِهِ الشُّبُهَاتُ فَيَرَاهَا وَلَا تُصِيبُ مِنْهُ»

„Mache dein Herz gegenüber den Zweifeln nicht wie einen Schwamm, der sie in sich einsaugt! Sondern mache es wie ein klares, festes Glas: Die Zweifel ziehen daran vorbei, es sieht sie, aber sie dringen nicht in sein Inneres ein!“

Aus dieser Haltung der geistigen Stärke heraus betrachten wir die historischen Gegebenheiten. Die Behauptung, Vielweiberei sei an sich ein Makel oder ein Beweis für Zügellosigkeit, erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein modernes, säkular-westliches Vorurteil, das den Gesetzen der Menschheitsgeschichte widerspricht.


2. Der historische und kulturelle Kontext der Polygamie

Die Polygamie (Mehrfehe) war in allen antiken Zivilisationen – in Indien, China, Persien, Rom, Griechenland, Lateinamerika, im alten Ägypten sowie im vorislamischen Arabien – eine tief verankerte, völlig natürliche gesellschaftliche Praxis. Erst die moderne westliche Leitkultur hat versucht, die Vielweiberei als unmoralisch zu brandmarken.

Hätten wir heute eine globale Vorherrschaft der indischen Tradition, würde man dem Islam womöglich mangelnde Treue vorwerfen, weil er der Witwe nach dem Tod ihres Mannes nicht befiehlt, sich mit ihm verbrennen zu lassen (die historische Praxis des Sati). Dies verdeutlicht, wie eine dominierende Kultur ihre eigenen Maßstäbe zur absoluten Norm erklärt: Was über Jahrtausende akzeptiert war, wird plötzlich als Fehler dargestellt, während moderne Abwegigkeiten als Menschenrechte deklariert werden.

Polygamie in den früheren Religionen und Schriften

Selbst in den Schriften der Juden und Christen, der Tora und dem Evangelium, finden wir die einstmals uneingeschränkte Bejahung der Polygamie unter den Propheten:

Es ist eine unbestreitbare historische Tatsache: Weder die götzendienerischen Araber der Quraish (قُرَيْشٌ), noch die Heuchler oder die jüdischen Stämme in Medina (الْمَدِينَةُ) haben dem Propheten Muhammad ﷺ jemals den Vorwurf der Zügellosigkeit oder der Zuchtlosigkeit gemacht, weil er mehrere Frauen heiratete. In jener Epoche war die Polygamie der Normalfall.


3. Die Natur des Mannes und die zwei Kriterien für Fehlverhalten

Der Prophet Muhammad ﷺ war ein Mensch und ein Mann. Aus islamischer Sicht ist die Neigung zum weiblichen Geschlecht und der Wunsch nach Eheschließung ein Zeichen gesunder Männlichkeit. Die Eheschließung mit mehreren Frauen wird in der Geschichte nur unter zwei spezifischen Bedingungen als Makel gewertet:

  1. Wenn die Vergnügung den Herrscher von den erhabenen Staatsaufgaben ablenkt: Wenn ein König oder Führer sich in Vergnügungen verliert, die Staatsgeschäfte vernachlässigt und dadurch sein Reich im Niedergang versinkt.
  2. Wenn die Zügellosigkeit den Charakter und die Moral der Person herabwürdigt: Wenn der Mensch durch seine Gelüste in Niederträchtigkeit und Schlechtigkeit abgleitet.

Beide Punkte treffen auf den Propheten Muhammad ﷺ in keiner Weise zu. Er ist der Urheber des gewaltigsten historischen Erfolgs der Menschheitsgeschichte: Er formte aus zersplitterten, zerstrittenen Wüstenstämmen innerhalb weniger Jahrzehnte eine geeinte, globale Weltmacht. Zudem verkörperte er bis zu seinem letzten Atemzug die erhabenste Moral. Selbst wenn er fünfzig oder hundert Frauen aus rein persönlicher Neigung geheiratet hätte, wäre dies unter den damaligen Maßstäben kein Makel gewesen, sondern ein Beweis seiner physischen Stärke.

Dennoch zeigt die vertiefte historische Betrachtung jeder einzelnen Eheschließung, dass keine einzige seiner Ehen aus bloßer Lust geschlossen wurde, sondern jede Ehe von tiefen staatsrechtlichen, gesellschaftlichen, seelsorgerischen oder legislativen Weisheiten getragen war.


4. Die Chronologie der Ehen des Propheten ﷺ und der Beweis der Enthaltsamkeit

Der stärkste Beweis gegen die Unterstellung der Zügellosigkeit liegt in den Merkmalen seiner Ehefrauen: Alle Frauen des Propheten ﷺ waren zuvor verheiratete Witwen oder Geschiedene – mit einer einzigen Ausnahme: Aisha bint Abi Bakr (عَائِشَةُ بِنْتُ أَبِي بَكْرٍ). Ein Mann, der rein nach Jugend und körperlicher Lust sucht, wählt junge Jungfrauen und keine mehrfach verwitweten Frauen.

I. Khadijah bint Khuwaylid (خَدِيجَةُ بِنْتُ خُوَيْلِدٍ) – Die Jugend des Propheten

Der Prophet Muhammad ﷺ wuchs in Makkah (مَكَّةُ) auf – einer Gesellschaft, die außereheliche Beziehungen und Unzucht nicht ächtete. Dennoch lebte er bis zum 25. Lebensjahr in absoluter Keuschheit und war als der Treuherzige und Wahrhaftige bekannt.

II. Sawdah bint Zam’ah (سَوْدَةُ بِنْتُ زَمْعَةَ) – Schutz der bedrängten Witwe

Nach dem Tod Khadijahs war der Prophet ﷺ über 50 Jahre alt. Er heiratete daraufhin Sawdah bint Zam’ah, eine etwa 55-jährige, verwitwete Frau.


5. Die Ehe mit Aisha bint Abi Bakr (عَائِشَةُ بِنْتُ أَبِي بَكْرٍ)

Die Ehe mit Aisha ist das Hauptziel moderner westlicher Polemik. Der Eheschließungsvertrag wurde geschlossen, als sie sechs Jahre alt war, und die Ehe wurde nach der Hijra in Medina vollzogen, als sie neun Jahre alt war.

Die Richtigstellung der historischen Parameter:

  1. Der kulturelle Standard der Epoche: In der damaligen Arabischen Halbinsel war das Heiratsalter von Mädchen an das Erreichen der physischen Reife gebunden, was in jener Klimazone sehr früh geschah. Aisha war bereits vor dem Antragsangebot des Propheten ﷺ mit Jubayr ibn Mut’im ibn Adi (جُبَيْرُ بْنُ مُطْعِمِ بْنِ عَدِيٍّ) verlobt. Als Abu Bakr al-Siddiq (أَبُو بَكْرٍ الصِّدِّيقُ) das Haus Mut’ims aufsuchte, lehnte dessen Mutter die Hochzeit ab, weil sie fürchtete, ihr Sohn würde zum Islam übertreten. Dies beweist unumstößlich: Eine Verlobung in diesem Alter war ein absolut üblicher gesellschaftlicher Brauch.

  2. Reife in traditionellen Gesellschaften: Auch in unseren Breiten war die Heirat im Alter von 10 bis 12 Jahren bis vor wenigen Generationen völlig normal.

  3. Die Heuchelei des modernen Westens: Während die westliche Moderne außereheliche Intimität bei Kindern im Alter von 8, 9 oder 10 Jahren gewähren lässt, Verhütungsmittel an Schulen verteilt und Mehrfachehen verbietet, brandmarkt sie eine rechtmäßige Ehe im historischen Kontext als Verbrechen.

  4. Göttliche Anweisung: Der Prophet ﷺ berichtete im Sahih al-Bukhari, dass ihm der Engel Gabriel das Bildnis Aishas dreimal auf einem Seidentuch im Traum zeigte und sprach: „Dies ist deine Ehefrau in der Welt und im Jenseits.“ Worauf der Prophet ﷺ sprach:

    «إِنْ يَكُنْ هَذَا مِنْ عِنْدِ اللَّهِ يُمْضِهِ»

    „Wenn dies von Allah ist, wird Er es vollziehen.“

  5. Staatsrechtliche und gesellschaftliche Brechung von Tabus:

    • Aufhebung des falschen Brüderlichkeits-Tabus: Abu Bakr glaubte zunächst, er könne seine Tochter dem Propheten nicht geben, weil sie „Brüder“ seien. Der Prophet ﷺ klärte auf: Die Islamische Brüderlichkeit verbietet die Ehe nicht.
    • Brechung des Aberglaubens um den Monat Shawwal: Die Araber hielten Eheschließungen im Monat Shawwal für unheilsam. Der Prophet ﷺ heiratete und vollzog die Ehe mit Aisha ausdrücklich im Shawwal, um diesen Aberglauben zu tilgen.

6. Die weiteren Eheschließungen in Medina und ihre Hintergründe

Nach der Hijra nach Medina heiratete der Prophet ﷺ weitere Frauen, deren Hintergründe allesamt von staatsmännischen, sozialen und gesetzgeberischen Motiven zeugen:

Ehen zur Fürsorge für die Witwen der Märtyrer:

Ehen aus legislativen und staatsrechtlichen Gründen:

Ehen aus diplomatischer Versöhnung und Stammespolitik:


7. Der Merkvers für die Chronologie der Ehefrauen

Zur Erleichterung des Einprägens der chronologischen Reihenfolge aller elf Ehefrauen verfassten die Gelehrten folgenden Merkvers:

خَلِيلِي سَبَا عَقْلِي حَلَا زَيْنُ هَالَةٍ … زَهَا جَفْنُهَا رَمْزًا صَحِيحًا مُهَذَّبَا

Der jeweils erste Buchstabe jedes Wortes steht für eine Ehefrau:

  1. خَ (Khilili) = Khadijah bint Khuwaylid (خَدِيجَةُ)
  2. سَ (Saba) = Sawdah bint Zam’ah (سَوْدَةُ)
  3. عَ (Aqli) = Aisha bint Abi Bakr (عَائِشَةُ)
  4. حَ (Hala) = Hafsah bint Umar (حَفْصَةُ)
  5. زَ (Zayn) = Zaynab bint Khuzaymah (زَيْنَبُ بِنْتُ خُزَيْمَةَ)
  6. هَ (Halah) = Hind / Umm Salamah (هِنْدُ / أُمُّ سَلَمَةَ)
  7. زَ (Zaha) = Zaynab bint Jahsh (زَيْنَبُ بِنْتُ جَحْشٍ)
  8. جَ (Jafnuha) = Juwayriyah bint al-Harith (جُوَيْرِيَةُ)
  9. رَ (Ramzan) = Ramlah / Umm Habibah (رَمْلَةُ)
  10. صَ (Sahihan) = Safiyyah bint Huyayy (صَفِيَّةُ)
  11. مَ (Muhadhdhaba) = Maymunah bint al-Harith (مَيْمُونَةُ)

8. Der Rechtsstatus von Mariyah al-Qibtiyyah (مَارِيَةُ الْقِبْطِيَّةُ)

Mariyah al-Qibtiyyah war keine der elf Mütter der Gläubigen, sondern eine Leibeigene.


9. Wissenschaftliche Würdigung durch Dr. Nazmi Luqa

Ein bemerkenswertes Zeugnis stammt von dem ägyptisch-christlichen Intellektuellen Dr. Nazmi Luqa (د. نَظْمِي لُوقَا). In seinem bekannten Werk Muhammad in seinem Privatleben untersuchte er jede einzelne Ehe des Propheten ﷺ und schrieb in seiner Einleitung:

„Die Verteidigung eines ehrenhaften Mannes ist die Pflicht aller ehrenhaften Menschen in der ganzen Welt. Die Ehre eines edlen Mannes muss respektiert werden, und die Edlen der Welt müssen sich verbünden, um sie zu verteidigen; denn die Verletzung der Ehre eines Edlen ist die Verletzung der Ehre aller Menschen!“


10. Die wissenschaftliche Größe Aishas und die Geistesüberlieferung

Aisha war eine herausragende Persönlichkeit von außergewöhnlichem Intellekt, Gedächtnis und juristischem Scharfsinn. Dass sie im jungen Alter zum Propheten ﷺ kam, erlaubte ihr, das gesamte häusliche Leben des Propheten ﷺ unverfälscht aufzunehmen und der Ummah zu überliefern.

Sie gehört zu den sieben Gefährten, die mehr als 1.000 Hadithe überlieferten, wie Al-Suyuti reimte:

وَالْمُكْثِرُونَ مِنْ رِوَايَةِ الأَثَرِ … أَبُو هُرَيْرَةَ يَلِيهِ ابْنُ عُمَرْ وَاَنَسٌ وَالْبَحْرُ ابْنُ عَبَّاسٍ كَذَا … أَبُو سَعِيدٍ وَجَابِرٌ وَزَوْجَةُ النَّبِي

Imam Muhammad ibn Shihab al-Zuhri sagte über sie:

«لَوْ جُمِعَ عِلْمُ نِسَاءِ هَذِهِ الأُمَّةِ فِيهِنَّ أَزْوَاجُ النَّبِيِّ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ لَكَانَ عِلْمُ عَائِشَةَ أَفْضَلَ»

„Wenn man das Wissen aller Frauen dieser Ummah zusammenrechnen würde – darunter alle anderen Ehefrauen des Propheten –, wäre das Wissen Aishas vorzüglicher gewesen!“

Aisha besaß nicht nur tiefes Wissen im Fiqh und Quran, sondern auch in der Poesie und der Medizin. Als ihr Neffe Urwah ibn al-Zubayr sie erstaunt fragte, woher sie ihr medizinisches Wissen habe, antwortete sie, dass die arabischen Delegationen dem erkrankten Propheten ﷺ Heilmittel verschrieben, deren Rezepturen sie sich einprägte.


11. Die Festlegung des Hijra-Kalenders: Die Geburt des Islamischen Staates

Das zweite Thema der Episode betrifft die staatsrechtliche Entscheidung von Kalif Umar ibn al-Khattab (عُمَرُ بْنُ الْخَطَّابِ) und den Gefährten, die Zeitrechnung der Muslime weder mit der Geburt des Propheten noch mit dem Beginn der Offenbarung beginnen zu lassen, sondern exakt mit der Hijra (الْهِجْرَةُ).

Die Gründe für die Wahl der Hijra:

  1. Die Geburt des Islamischen Staates: Vor der Hijra waren die Muslime verfolgte Einzelpersonen ohne Souveränität. Erst mit der Ansiedlung in Medina entstand das erste souveräne Staatswesen des Islam.
  2. Die Natur des Islam als Scharia: Der Islam ist nicht bloß eine private Herzensreligion, sondern eine umfassende Lebens- und Staatsordnung. Weder die Rechtsprechung, noch das Finanzwesen (Zakat), die Grenzsicherung oder gar die kollektive Ausübung der Gottesdienste (Gemeinschaftsgebet, Ramadan-Kontrolle, Hajj-Sicherung) können ohne einen schützenden Staat vollzogen werden.
  3. Das Ineinandergreifen von Religion und Politik: Die Wahl der Hijra als Kalenderbeginn belegt, dass Politik und Staat im Islam unrennbar mit dem Glauben verwoben sind. Der Prophet ﷺ war nicht nur ein Prediger, sondern ein Staatsmann, Feldherr und Gesetzgeber.

Der administrative Anlass unter Umar ibn al-Khattab:

Als sich das Reich unter Kalif Umar weit ausdehnte, trafen Schreiben von Statthaltern ein, die lediglich Monatstage trugen (z. B. „im Monat Sha’ban“), ohne dass das Jahr vermerkt war. Umar rief den Beratungsrat zusammen. Nach Abwägen aller Optionen entschied die Gemeinschaft, die Hijra als Jahr 1 der islamischen Zeitrechnung festzulegen.


12. Fazit und Zusammenfassung

Die Ehen des Propheten Muhammad ﷺ halten jeder historischen, soziologischen und moralischen Überprüfung stand:

  1. Die Anschuldigung der Zügellosigkeit ist eine unhistorische Fiktion. Weder Zeitgenossen noch Gegner erhoben diesen Vorwurf.
  2. Seine Jugend war von absoluter Keuschheit geprägt, gefolgt von 25 Jahren Monogamie mit einer älteren Frau.
  3. Jede weitere Ehe im höheren Alter erfüllte konkrete göttliche, staatsrechtliche, erzieherische oder diplomatische Ziele.
  4. Die Entscheidung für den Hijra-Kalender unterstreicht den Staatscharakter des Islam, der Religion und Politik zu einer harmonischen Einheit fügt.


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