Visual HistoryChronik des islamischen Imperiums
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Die rechtgeleiteten Khalifen

632–661 n.Chr. · 11–41 n.H. · 15 Min. Lesezeit

Text-Status: In Bearbeitung

Wie fassen wir die Zeit des Rechtgeleiteten Kalifats zusammen und was ist ihre historische Bedeutung?

Eine staatsrechtliche, historische und soziologische Gesamtanalyse des Rechtgeleiteten Kalifats (Al-Khilafah al-Rashidah) aus der Analyseperspektive von Dr. Muhammad Elhamy.


1. Einordnung: Das Rechtgeleitete Kalifat als das wahre Goldene Zeitalter

Wenn wir über die Epoche des Rechtgeleiteten Kalifats (Al-Khilafah al-Rashidah) sprechen, bewegen wir uns im absolute Kernbereich der islamischen Politik- und Zivilisationsgeschichte. Um diesen Zeitraum adäquat zu erfassen, müssen wir zunächst ein tiefgreifendes Missverständnis ausräumen, das durch den Einfluss des Orientalismus, westlicher Geschichtsbetrachtung und säkularer Diskurse in den Köpfen vieler Menschen verankert wurde.

Häufig wird der Begriff des „Goldenen Zeitalters“ einer Zivilisation an physischen Monumenten, prachtvollen Palästen, vergoldeten Architekturen, künstlerischer Dekoration oder rein technologischen Errungenschaften gemessen. Nach dem islamischen Wertemaßstab bemisst sich das Goldene Zeitalter jedoch primär am Menschen: an der Verwirklichung menschlicher Würde, der Durchsetzung von Gerechtigkeit, der absoluten Gewährleistung von Sicherheit, der Befreiung von Unterdrückung und Tyrannei sowie der vollen Wahrung verbriefter Rechte.

Unter dieser Prämisse stellt das Rechtgeleitete Kalifat nicht nur die blühendste und glanzvollste Epoche der islamischen Geschichte dar, sondern die gerechteste und erhabenste Periode der gesamten menschlichen Zivilisationsgeschichte. Die verbreiteten Zweifel und Fragen, die in der Moderne um diese Epoche aufgeworfen werden, sind das Produkt eines systematischen säkularen und orientalistischen Drucks, der versucht, diese Epoche auf ihre Konflikte zu reduzieren. In Wirklichkeit handelt es sich um das leuchtendste Modell menschlicher Selbstverwaltung.

Diese Bewertung ist keine bloße subjektive Behauptung oder emotionale Retrospektive, sondern sie stützt sich direkt auf die analytische Einteilung unseres Propheten Muhammad ﷺ, der die Phasen der Weltgeschichte präzise klassifizierte.


2. Die prophetische Typologie der Fünf Epochen der Geschichte

Der Prophet Muhammad ﷺ hat die historische Entwicklung des Staatswesens der islamischen Ummah in einer prophetischen Voraussage in fünf aufeinanderfolgende Phasen unterteilt:

«تَكُونُ النُّبُوَّةُ فِيكُمْ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ تَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ خِلَافَةٌ عَلَى مِنْهَاجِ النُّبُوَّةِ، فَتَكُونُ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ تَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ مُلْكًا عَاضًّا، فَيَكُونُ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ يَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ مُلْكًا جَبَرِيًّا، فَيَكُونُ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ يَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ خِلَافَةٌ عَلَى مِنْهَاجِ النُّبُوَّةِ»

„Das Prophetentum wird unter euch sein, solange Allah es will. Dann wird Er es aufheben, wenn Er es aufzuheben gedenkt. Danach wird ein Rechtgeleitetes Kalifat auf der Methode des Prophetentums sein, und es wird dauern, solange Allah es will. Dann wird Er es aufheben, wenn Er es aufzuheben gedenkt. Danach wird ein beißendes/festhaltendes Königtum sein, und es wird dauern, solange Allah es will. Dann wird Er es aufheben, wenn Er es aufzuheben gedenkt. Danach wird eine gewaltsame Tyrannei sein, und sie wird dauern, solange Allah es will. Dann wird Er sie aufheben, wenn Er sie aufzuheben gedenkt. Danach wird wieder ein Kalifat auf der Methode des Prophetentums sein.“

Aus diesem Hadith und seinen parallelen Überlieferungen ergibt sich eine exakte staatsrechtliche Epochengliederung:

  1. Die Epoche des Prophetentums (Al-Nubuwwah wa-l-Rahmah): Die Ära der unmittelbaren Führung durch den Propheten Muhammad ﷺ, geleitet von der göttlichen Offenbarung.
  2. Das Rechtgeleitete Kalifat (Al-Khilafah al-Rashidah ’ala Minhaj al-Nubuwwah): Die 30-jährige Herrschaft der Nachfolger des Propheten ﷺ, in der das Staatswesen vollkommen auf der prophetischen Methodik ruhte.
  3. Das beißende Königtum (Al-Mulk al-Adud): Die Epoche der Dynastien (Umayyaden, Abbasiden, Osmanen). Der Begriff „beißend“ verdeutlicht das zähe Festhalten an der Macht und die Einführung der Erbfolge. Dennoch war diese Phase von Erbarmen geprägt, da ein entscheidender Pfeiler aufrechterhalten wurde: Das geltende Recht im Staat war uneingeschränkt die Scharia, und kein Herrscher regierte nach fremden Gesetzbüchern.
  4. Die gewaltsame Tyrannei (Al-Mulk al-Jabari): Die Phase nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. In dieser Epoche brachen beide Säulen des islamischen Staatswesens zusammen: Weder wurde nach der Scharia regiert, noch besaß die Ummah das Recht zur freien Wahl ihrer Führung. Es ist das Zeitalter der Unterdrückung, der Entwürdigung, der Diktaturen und des Schreckens. Der Hadith beschreibt diese Phase bildhaft mit dem Wetteifer von Eseln um die Kahlfressung der Wurzeln (Takadum al-Humur) sowie mit Herrschern, die Teufelsherzen in Menschengestalt besitzen und an den Toren der Hölle stehen.
  5. Die Wiederkehr des Kalifats auf der Methode des Prophetentums: Die verheißene künftige Epoche, auf deren Verwirklichung die Ummah hinarbeitet.

Die exakte zeitliche Bestimmung der 30 Jahre

Die Dauer des Rechtgeleiteten Kalifats wird durch den Hadith des Gefährten Safinah präzisiert: „Die Khilafah nach mir währt 30 Jahre.“

Rechnet man die historische Chronologie nach, zeigt sich eine mathematische Präzision: Der Prophet Muhammad ﷺ verstarb im Monat Rabi’ al-Awwal des Jahres 11 n.H. Die geschichtliche Abdankung von Al-Hasan ibn Ali (الْحَسَنُ بْنُ عَلِيٍّ) zugunsten von Mu’awiyah ibn Abi Sufyan vollzog sich exakt im Monat Rabi’ al-Awwal des Jahres 41 n.H. Dies ergibt auf den Monat genau einen Zeitraum von 30 Jahren. Die Epoche umfasst somit die Amtszeiten von Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali sowie die sechsmonatige Amtszeit von Al-Hasan ibn Ali.


3. Die staatsrechtliche und funktionale Notwendigkeit des Rechtgeleiteten Kalifats

Um die eminente historische und religiöse Bedeutung dieser 30 Jahre zu verstehen, muss man sich eine fundamentale Frage stellen: Warum war das Rechtgeleitete Kalifat unentbehrlich?

Der Prophet Muhammad ﷺ war der Siegel der Propheten. Nach seinem Scheiden sollte kein neuer Gesandter erscheinen und keine neue Offenbarung herabgesandt werden. Wäre das Staatswesen der Muslime nur in der Anwesenheit des unfehlbaren Propheten ﷺ funktionsfähig gewesen, wäre der Islam nach seinem Tod in eine praktische Handlungsunfähigkeit geraten.

Das Rechtgeleitete Kalifat diente daher als göttlich gefügtes Anschauungsmodell dafür, wie Muslime ihr Staatswesen ohne die physische Anwesenheit eines Propheten und ohne direkten Offenbarungsempfang eigenverantwortlich führen.

Die beiden Grundpfeiler des islamischen Politiksystems

Im Rechtgeleiteten Kalifat wurden die zwei unumstößlichen Säulen des islamischen Staatsrechts in vollkommener Reinheit verwirklicht:

  1. Die Ausübung der Herrschaft auf der Grundlage der Scharia: Das Gesetzbuch des Staates waren der Quran und die prophetische Sunnah.
  2. Die freie Wahl des Oberhauptes durch die Ummah (Ikhtiyar al-Ummah): Kein Kalif gelangte durch Erbfolge, Dynastiebildung, militärischen Aufstand oder gewaltsame Unterwerfung an die Macht. Alle wurden in freier Zustimmung durch die Konsultation (Shura) der Gemeinschaft eingesetzt.

Der Unterschied zwischen der Autorität des Propheten und der Kalifen

Der Prophet ﷺ war als Empfänger der Offenbarung unfehlbar (Ma’sum). Ein Gefährte konnte dem Propheten ﷺ im Bereich der Religion oder der göttlichen Anweisungen nicht entgegentreten und behaupten, er habe Unrecht getan.

Ein Kalif hingegen ist ein fehlbarer Mensch. Er empfängt keinen Ruf vom Himmel, stellt kein neues Gesetz auf und kann Irrtümer begehen. Daher bedurfte es einer Ära, in der demonstriert wurde:

Das gesamte Fachgebiet des islamischen Staatsrechts (Al-Siyasah al-Shar’iyyah) speist sich aus den Entscheidungen dieser Epoche. Aus diesem Grund befahl der Prophet ﷺ:

«فَعَلَيْكُمْ بِسُنَّتِي وَسُنَّةِ الْخُلَفَاءِ الرَّاشِدِينَ الْمَهْدِيِّينَ مِنْ بَعْدِي عَضُّوا عَلَيْهَا بِالنَّوَاجِذِ»

„So haltet euch an meine Sunnah und die Sunnah der rechtgeleiteten, rechtgeleiteten Kalifen nach mir; beißt darauf mit den Backenzähnen!“

Die Kalifen führten keine neuen Gebete oder religiösen Riten ein; ihre fundamentale Neuerung und prophetisch gebotene „Sunnah“ lag in ihrer staatspolitischen Methodik und Rechtsanwendung.


4. Die Widerlegung säkularer Utopien: Das realisierte Modell

In der modernen Debatte begegnet man häufig säkularen Argumenten, die behaupten, ein auf der Religion basierender Staat führe zwangsläufig zu Fanatismus, Kriegen, Unterdrückung oder wirtschaftlicher Stagnation. Andere behaupten, ein idealer Staat sei eine unerreichbare Utopie.

Die italienische Historikerin Maria Luisa Berneri untersuchte in ihrem Werk Reise durch Utopia die Entwürfe säkularer Philosophen (von Platon über Thomas More bis zur Neuzeit). Ihre zentrale Erkenntnis war: Kein einziger säkularer Philosoph vermochte seine erdachte Utopie jemals auf der Erde zu realisieren. Mehr noch: Je mehr diese Philosophen versuchten, ihre Theorien der Realität anzupassen, desto mehr wandelten sich ihre Entwürfe in menschenfeindliche, kasernenartige Zwangsstaaten. Auch der Denker Alija Izetbegović wies darauf hin, dass säkulare Utopien in der Praxis in entmenschlichte Kontrollapparate münden.

Die islamische Ummah hingegen besitzt im Rechtgeleiteten Kalifat ein historisch auf dieser Erde realisiertes Modell. Es beweist, dass ein Staat auf der Grundlage des Glaubens Sicherheit, Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit schaffen kann, ohne die Menschen in ein korsettiertes Wunschtraum-Experiment zu zwingen.

Gleichzeitig bewahrt uns das Rechtgeleitete Kalifat vor weltfremdem Schwärmen. Auch in dieser Epoche gab es menschliche Fehler, wirtschaftliche Herausforderungen, Meinungsverschiedenheiten und sogar tragische Konflikte. Doch diese Konflikte vollzogen sich innerhalb eines ethischen und verfassungsrechtlichen Rahmens: Selbst in den schwersten Krisen kämpften die Parteien mit islamischer Ritterlichkeit, beteten hinter demselben Imam und wachten über die Grundwerte des Glaubens.


5. Chronologische Einzeldarstellung der Fünf Kalifen

I. Abu Bakr al-Siddiq (أَبُو بَكْرٍ الصِّدِّيقُ) – 11–13 n.H. (2 Jahre und 3 Monate)

Abu Bakr al-Siddiq kann als der eigentliche Begründer des islamischen Staatsrechts (Al-Siyasah al-Shar’iyyah) bezeichnet werden. Seine Antrittsrede stellt das komprimierte Grundgesetz der islamischen Staatsführung dar:

«وُلِّيتُ عَلَيْكُمْ وَلَسْتُ بِخَيْرِكُمْ، فَإِنْ أَحْسَنْتُ فَأَعِينُونِي، وَإِنْ أَسَأْتُ فَقَوِّمُونِي، الصِّدْقُ أَمَانَةٌ، وَالْكَذِبُ خِيَانَةٌ، وَالضَّعِيفُ فِيكُمْ قَوِيٌّ عِنْدِي حَتَّى أَرُدَّ عَلَيْهِ حَقَّهُ إِنْ شَاءَ اللَّهُ، وَالْقَوِيُّ فِيكُمْ ضَعِيفٌ عِنْدِي حَتَّى آخُذَ الْحَقَّ مِنْهُ إِنْ شَاءَ اللَّهُ، أَطِيعُونِي مَا أَطَعْتُ اللَّهَ وَرَسُولَهُ، فَإِذَا عَصَيْتُ اللَّهَ وَرَسُولَهُ فَلَا طَاعَةَ لِي عَلَيْكُمْ»

„Ich bin über euch als Herrscher eingesetzt worden, obwohl ich nicht der Beste von euch bin. Wenn ich Gutes tue, so helft mir; und wenn ich Fehltritte begehe, so korrigiert mich! Wahrheit ist eine Treuepflicht und Lüge ist Verrat. Der Schwache unter euch ist stark bei mir, bis ich ihm sein Recht verschaffe, so Allah will; und der Starke unter euch ist schwach bei mir, bis ich ihm das Recht abverlange, so Allah will. Gehorcht mir, solange ich Allah und Seinem Gesandten gehorche; wenn ich aber Allah und Seinem Gesandten ungehorsam bin, so habt ihr keinen Gehorsamspflicht mir gegenüber!“

In dieser kurzen Rede definierte Abu Bakr die Rechtsgrundlage der Macht (Legitimität durch Gehorsam gegenüber der Scharia), das Recht des Volkes auf Kontrolle und Absetzung des Herrschers sowie die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

Die historischen Großtaten Abu Bakrs:

  1. Die Bewältigung der Apostasie-Kriege (Hurub al-Riddah): Nach dem Hinscheiden des Propheten ﷺ stiegen falsche Propheten wie Musaylimah al-Kadhdhab, Tulayhah ibn Khuwaylid, Al-Aswad al-Ansi und Sajah auf. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit stellte Abu Bakr die Einheit der Arabischen Halbinsel wieder her.
  2. Der Beginn der weltweiten Befreiungsfeldzüge: Trotz der immensen inneren Krisen sandte Abu Bakr das Heer von Usama ibn Zayd aus und eröffnete zeitgleich die Feldzüge gegen die zwei Supermächte der damaligen Welt: das Persische Sassanidenreich und das Byzantinische Reich.
  3. Einzigartige historische Leistung: Abu Bakr ist die einzige Persönlichkeit der Weltgeschichte, die ein Staatswesen übernahm, dessen Hauptstadt vor dem unmittelbar bevorstehenden Einmarsch von Feinden stand, und es innerhalb von nur zwei Jahren und drei Monaten als globale Weltgroßmacht hinterließ.
  4. Die Erstsammlung des Quran: Nach dem Martyrium zahlreicher Quran-Kopfkenner in der Schlacht von Yamama veranlasste Abu Bakr auf Anraten Umars die systematische Sammlung des Quran in einem einzigen Band (Al-Mushaf). Unter der Leitung von Zayd ibn Thabit (زَيْدُ بْنُ ثَابِتٍ) wurde jede Verseintragung an zwei Bedingungen geknüpft: Sie musste schriftlich vorliegen und von zwei Zeugen beeidet werden, die sie direkt aus dem Munde des Propheten ﷺ gehört hatten.

II. Umar ibn al-Khattab (عُمَرُ بْنُ الْخَطَّابِ) – 13–23 n.H. (10 Jahre und 6 Monate)

Umar übernahm ein Staatswesen, das sich im Aufstieg befand, und hinterließ es als die einzige unbestrittene Weltmacht auf Erden. Unter seiner Ära brach das Perserreich nach der Schlacht von Al-Qadisiyyah vollkommen zusammen, während die Byzantiner nach der Schlacht von Al-Yarmouk aus der Levante und Ägypten bis nach Anatolien zurückgedrängt wurden.

Die administrativen und gesellschaftlichen Großtaten Umars:

  1. Der Aufbau von Staatsinstitutionen (Al-Dawawin): Umar begründete das Finanzamt (Diwan al-Kharaj), das Sold- und Sozialamt (Diwan al-Ata’) sowie das Heeresamt (Diwan al-Jund). Er organisierte die staatliche Infrastruktur, führte die Hijra-Zeitrechnung ein und etablierte das Rechts- und Postwesen.
  2. Die Vereinigung von Macht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: In der Geschichte der Weltimperien gilt ein Grundsatz: Herrscher, die gewaltige Reiche erobern (wie Cyrus, Alexander der Große, Napoleon oder Dschingis Khan), sind selten gerechte oder barmherzige Herrscher. Umar ibn al-Khattab ist die einzige Gestalt der Weltgeschichte, die als gigantischer Welteroberer zugleich das unerreichte Symbol für absolute Gerechtigkeit (Al-Adl), Stärke (Al-Quwwah) und tiefe Barmherzigkeit (Al-Rahmah) verkörpert.
  3. Das meisterhafte System der Nachfolgeordnung: Als Umar im Sterben lag, weigerte er sich, seinen Sohn Abdullah oder seinen Verwandten Sa’id ibn Zayd zu nominieren. Stattdessen setzte er ein Gremium aus sechs herausragenden Gefährten (Majlis al-Shura) ein, die aus ihrer Mitte das neue Oberhaupt wählen mussten.

III. Uthman ibn Affan (عُثْمَانُ بْنُ عَفَّانَ) – 23–35 n.H. (12 Jahre)

Die Amtszeit Uthmans war geprägt von der Fortführung der territorialen Expansion bis nach Afghanistan, Khorasan, in den Kaukasus (Dagestan, Tschetschenien), nach Nubien (Sudan) und Tunesien.

Die Großtaten und Herausforderungen unter Uthman:

  1. Wirtschaftlicher Wohlstand: Die Epoche Uthmans war ein Zeitalter des Überflusses. Al-Hasan al-Basri berichtete aus seiner Jugend in Medina, dass täglich staatliche Zuteilungen, Güter und Gelder an die Bevölkerung ausgegeben wurden.
  2. Die kanonische Vereinheitlichung des Quran (Al-Mushaf al-Imam): Da sich das Reich von Osten nach Westen erstreckte und regionale Dialekte zu Meinungsverschiedenheiten in der Aussprache des Quran führten, ließ Uthman offizielle Abschriften des Ur-Textes anfertigen und in alle Provinzmetropolen versenden, während abweichende Privatnotizen verbrannt wurden.
  3. Der Ausbruch der ersten Fünfschen Wirren (Al-Fitnah): Durch den Generationenwechsel (das Heranwachsen neuer Generationen ohne direkte Prophetenschulung), den raschen Wohlstandszuwachs und das Auftauchen klandestiner Verschwörer wie Abdullah ibn Saba’ (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ سَبَإٍ) entstanden Gerüchte und Aufstände gegen Uthman, die schließlich in seiner tragischen Belagerung und seinem Martyrium mündeten.

IV. Ali ibn Abi Talib (عَلِيُّ بْنُ أَبِي طَالِبٍ) – 35–40 n.H. (4 Jahre und 9 Monate)

Nach dem Martyrium Uthmans wählten die Gefährten Ali ibn Abi Talib zum Kalifen. Seine Regierungszeit ist das prophetisch vorgesehene Lehrbuch der Ummah für den Umgang mit Krisen, Bürgerkriegen und Opposition (Fiqh al-Fitan).

Alis staatsrechtliche Pionierleistungen im Krisenmanagement:

Ali lehrte die Ummah, wie ein islamisches Staatswesen mit verschiedenen Formen von Abweichung und Opposition umgeht:


V. Al-Hasan ibn Ali (الْحَسَنُ بْنُ عَلِيٍّ) – 40–41 n.H. (6 Monate)

Al-Hasan ibn Ali vollendete die 30 Jahre des Rechtgeleiteten Kalifats. Seine historische Großtat war der freiwillige Verzicht auf die Macht zugunsten von Mu’awiyah im „Jahr der Gemeinschaft“ (Am al-Jama’ah) 41 n.H., um das Vergießen muslimischen Blutes zu beenden. Damit erfüllte sich die prophetische Voraussage:

«إِنَّ ابْنِي هَذَا سَيِّدٌ وَإِنَّ اللَّهَ سَيُصْلِحُ بِهِ بَيْنَ فِئَتَيْنِ عَظِيمَتَيْنِ مِنَ الْمُسْلِمِينَ»

„Wahrlich, dieser mein Sohn ist ein Herr; und Allah wird durch ihn Versöhnung zwischen zwei gewaltigen Gruppen der Muslime stiften.“

Dieses Ereignis bestätigte zugleich die Rechtgläubigkeit beider Parteien, da der Prophet ﷺ beide Seiten als Muslime bezeichnet hatte.


6. Die staatsrechtliche Definition der Khilafah und Abgrenzung

Um Verwirrungen in der Gegenwart vorzubeugen, muss die staatsrechtliche Definition der Khilafah präzisiert werden. Die islamischen Rechtsgelehrten definieren die Imamat oder Khilafah wie folgt:

«الإِمَامَةُ: خِلَافَةُ النُّبُوَّةِ فِي حِرَاسَةِ الدِّينِ وَسِيَاسَةِ الدُّنْيَا بِهِ»

„Die Imamat ist die Stellvertretung des Prophetentums in der Bewahrung der Religion und der Führung der Welt durch sie.“

Sprachliche vs. Rechtgeleitete Khilafah

Islamische Gelehrte wie Ibn Taymiyyah haben dargelegt, dass Herrscher nach der Epoche der Rechtgeleiteten Kalifen (wie Mu’awiyah, Harun al-Rashid oder Suleiman der Prachtvolle) im rein sprachlichen Sinne als „Kalifen“ bezeichnet werden dürfen, da der Prophet ﷺ sagte: „Es werden Kalifen sein, und sie werden zahlreich sein.“ Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Herrschaft den vollkommenen Rang der Rechtgeleiteten Khilafah (Al-Khilafah al-Rashidah) erreichte.

Ablehnung von Terror- und Scheinproklamationen

Eine Ausrufung der Khilafah durch kleine Gruppen oder Splitterorganisationen in Zeiten der Schwäche (wie es 2014 geschah) ist staatsrechtlich nichtig. Die Khilafah ist eine allgemeine Oberherrschaft (Imamah Ammah), die die freie Zustimmung und Gefolgschaft der großen Mehrheit der muslimischen Ummah erfordert. Kein Einzelner oder eine kleine Gruppierung kann sich eigenmächtig zum Kalifen der Muslime erklären und Gefolgschaft erzwingen.


7. Fazit und Kernaussage

Das Rechtgeleitete Kalifat ist sowohl ein integraler Bestandteil des islamischen Glaubens als auch das Goldene Zeitalter unserer Geschichte. Es bildet das zeitlose Vorbild und die Orientierungsmatrix, aus der die Muslime über alle Jahrhunderte hinweg lernen, wie sie ihr Staatswesen in Abwesenheit des Propheten ﷺ und nach dem Ende der Offenbarung in Gerechtigkeit, würdevoller Freiheit und Gottgefälligkeit organisieren.

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