750-1258 n.Chr. · 132-656 n.H. · 35 Min. Lesezeit
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حالة النص: قيد المراجعةEine vollständige, ungekürzte historische und geschichtssoziologische Abhandlung über das Werden der Abbasiden-Dynastie, die Ursachen der Revolution gegen die Umayyaden, die 30-jährige Geheimorganisation in Al-Humaymah und Khorasan sowie die Etablierung des neuen Kalifats aus der Analyseperspektive von Dr. Muhammad Elhamy.
Orientierungshilfe: Bei der Fülle an Namen, Verwandtschaftslinien und Kommandostrukturen in diesem Kapitel lohnt sich ein Blick auf den Personenspiegel & Hierarchiekarte — eine eigene, kurze Übersichtsseite mit Stammbäumen, Organisationsstruktur und einer Zuordnungstabelle aller wichtigen Personen.
Beim Eintritt in das Studium der Abbasiden-Dynastie begegnet dem Betrachter häufig eine emotionale Befangenheit oder Beklemmung. Diese begründet sich in der Vielschichtigkeit und der politischen Härte, mit der der historische Übergang von der Umayyaden- zur Abbasidenherrschaft vollzogen wurde. Um das Entstehen des Abbasiden-Reiches im Jahr 132 nach der Hijra tiefgreifend zu verstehen, müssen die personellen Wurzeln, die moralischen Grundlagen und das historische Umfeld beleuchtet werden.
Die Abbasiden verdanken ihre Benennung der Zuweisung zu Al-Abbas ibn Abd al-Muttalib (الْعَبَّاسُ بْنُ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ), dem väterlichen Onkel des Propheten ﷺ. Al-Abbas besaß bereits in der Vorislamischen Zeit eine gewaltige gesellschaftliche Würde. Er gehörte zu den vermögendsten Männern der Banu Hashim und zeichnete sich durch außergewöhnliche Freigebigkeit aus, mit der er die Armen und Bedürftigen seines Stammes unterstützte.
Im Islam nahm Al-Abbas einen hochrangigen Platz ein. Unsere Mutter Aisha (عَائِشَةُ) überlieferte im Sahih al-Bukhari, dass der Prophet ﷺ niemanden so sehr ehrte, wie er seinen Onkel Al-Abbas ehrte.
„Die Kalifen Umar ibn al-Khattab und Uthman ibn Affan stiegen aus tiefer Ehrerbietung von ihren Reittieren ab, wann immer Al-Abbas an ihnen vorbeiritt, und setzten ihren Weg erst fort, nachdem er vorübergeritten war.“
Während der großen Dürreperiode unter seinem Khalifat betete Umar ibn al-Khattab um Regen (Istisqa’):
„O Allah, wir pflegten Dich durch Deinen Propheten um Regen zu bitten (als er noch lebte), und Du hast uns erhört. Nun bitten wir Dich durch den Onkel Deines Propheten, Al-Abbas, so schenke uns Regen!“
Über den genauen Zeitpunkt seines Übertrits zum Islam existieren unter den Gelehrten verschiedene Überlieferungen: Einige datieren seinen Übertritt auf die Zeit vor der Schlacht von Badr, andere auf die Zeit der Schlacht selbst, und wieder andere auf die Zeit kurz vor der Eroberung Makkahs.
Die Ursache dieser historischen Meinungsverschiedenheiten liegt in der geheimen Rolle, die Al-Abbas in Makkah ausübte. Er fungierte als strategischer Informationsposten für den islamischen Staat in Medina und übermittelte dem Propheten ﷺ vertrauliche Nachrichten über die Pläne der Quraish.
Historiker diskutieren, ob er dies als getarnter Muslim oder aus Stammesverwandtschaft tat; unbestritten ist jedoch, dass er seine Auswanderung (Hijra) vor der Eroberung Makkahs vollzog.
Bei seiner Auswanderung stieß Al-Abbas überraschend auf das anmarschierende prophetische Heer. Als sein enger Freund Abu Sufyan (أَبُو سُفْيَانَ) die unzähligen Lagerfeuer erblickte und erschrak, rief Al-Abbas ihm zu:
„Rette dich selbst! Das ist der Gesandte Allahs ﷺ!“
Er nahm Abu Sufyan auf sein Maultier, um ihn sicher zum Propheten ﷺ zu bringen.
Auf dem Weg trafen sie auf Umar ibn al-Khattab und als dieser Abu Sufyan erblickte,lief er auf sie zu und rief:
„Abu Sufyan - O Feind Allahs - Alles Lob gebührt Allah, der dich in unsere Hände laufen lies, ohne einen Friedensvertrag!“
Al-Abbas trieb sein Reittier schneller an, um den Propheten ﷺ zuerst zu erreichen. Als Al-Abbas Umar zur Mäßigung mahnte und fragte, ob er ebenso gehandelt hätte, wenn Abu Sufyan aus Umars Stamm Banu Adi gestammt hätte, antwortete Umar voller Aufrichtigkeit:
„Beruhige dich, o Abbas! Bei Allah, dein Übertritt zum Islam an dem Tag, an dem du Muslim wurdest, war mir lieber als der Übertritt meines eigenen Vaters al-Khattab, wenn er Muslim geworden wäre! Denn ich wusste, dass dein Islam dem Gesandten Allahs ﷺ lieber war als der Islam al-Khattabs!“
Al-Abbas behielt seine erhabene Stellung unter den Rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakr und Umar bei und verstarb während der Regierungszeit Uthmans im Alter von 88 Jahren.
Aus den Nachkommen von Al-Abbas ragte sein Sohn Abdullah ibn Abbas (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ عَبَّاسٍ) heraus, der als Gelehrter der Ummah (Habr al-Ummah) und Ausleger des Quran (Turjuman al-Quran) in die Geschichte einging.
Für ihn sprach der Prophet ﷺ das Bittgebet:
«اللَّهُمَّ فَقِّهْهُ فِي الدِّينِ وَعَلِّمْهُ التَّأْوِيلَ»
„O Allah, schenke ihm tiefes Verständnis in der Religion und lehre ihn die Auslegung!“
Trotz seiner Jugend zog Umar ibn al-Khattab ihn in den erlesenen Rat der großen Gefährten (Shura) heran und bezeichnete ihn als Jüngling von der Reife der Ältesten:
„ausgestattet mit einer erfragenden Zunge und einem verstehenden Herzen (فَتَى الْكُهُولِ، لَهُ لِسَانٌ سَؤُولٌ وَقَلْبٌ عَقُولٌ).“
Selbst Abdullah ibn Umar verwies Fragende an Ibn Abbas mit den Worten:
„Dass es heute niemand auf Erden gibt der wissender bezüglich der Offenbarung Muhammads ﷺ sei als er.“
Die Kette der Gelehrsamkeit setzte sich in dessen Sohn Ali ibn Abdullah ibn Abbas (عَلِيُّ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبَّاسٍ) fort. Er wurde genau in jener Nacht geboren, in der Ali ibn Abi Talib (عَلِيُّ بْنُ أَبِي طَالِبٍ) im Jahr 40 nach der Hijra ermordet wurde und das Martyrium erlangte, weshalb er nach ihm genannt wurde und die Kunya Abu al-Hasan erhielt.
Er wurde wegen seiner unzähligen Gebete Al-Sajjad („der sich viel Niederwerfende“) genannt. Wenn er nach Makkah oder Medina kam, folgten ihm die Menschenmassen, und selbst der umayyadische Kalif Abdul Malik ibn Marwan (عَبْدُ الْمَلِكِ بْنُ مَرْوَانَ) setzte ihn auf seinen Thron. Ali ibn Abdullah zeugte 30 Kinder, darunter über 20 Söhne von hoher Würde.
Als der spätere umayyadische Kalif Al-Walid I. ibn Abdul Malik die wachsende Ehrerbietung der Bevölkerung in Damaskus gegenüber Ali ibn Abdullah und seinen Söhnen sah, fürchtete er den Verlust der Loyalität an das Haus der Ahl al-Bayt.
Er verbannte Ali ibn Abdullah aus Syrien in das entlegene Grenzdorf Al-Humaymah (الْحُمَيْمَةُ). In diesem unscheinbaren Dorf erblickte dessen Sohn Muhammad ibn Ali ibn Abdullah ibn Abbas (مُحَمَّدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبَّاسٍ) das Licht der Welt. Auch er erlangte tiefes Wissen und die Bezeichnung Al-Sajjad.
„Er sollte zum eigentlichen Urheber und Architekten der geheimen abbasidischen Revolution werden.“
Um die Gründe für den Aufstand gegen die Umayyaden zu begreifen, muss man die Perspektive jener Bevölkerungsschichten einnehmen, die unter der Spätphase der Umayyadenherrschaft litten – insbesondere im Irak und in Kufa. Aus deren Sicht war die Übernahme der Khilafah durch ungeeignete Herrscher die Wurzel von Ungerechtigkeit und Blutvergießen. Sie verwiesen auf die Tragödie von Karbala und das Martyrium des Prophetenenkels Al-Hussain, die Belagerung Makkahs, die Plünderung Medinas am Tag von Al-Harra unter der Herrschaft von Yazid ibn Mu’awiya durch Muslim ibn Uqbah sowie die Grausamkeiten des Statthalters Al-Hajjaj ibn Yusuf.
Aus diesen Erfahrungen erwuchs die Überzeugung, dass das Kalifat dem würdigsten Haus zustehe: dem Hause des Propheten ﷺ (Ahl al-Bayt). Der Prophet ﷺ sagte:
„Wahrlich, Allah erwählte Kinanah aus den Söhnen Isma’ils, und Er erwählte Banu Hashim aus Kinanah, und Er erwählte mich aus Banu Hashim!“
Rechtlich umfasst der Begriff Ahl al-Bayt die Nachkommen von Hashim und Al-Muttalib – darunter die Linien von Ali, Al-Abbas und Aqil. In Al-Tabaqat hielt Ibn Sa’d fest, dass die Khilafah zu den Söhnen von Al-Abbas gelangte, als es auf Erden niemanden gab, der gelehrter, edler oder gottesfürchtiger war als sie.
Während der Wallfahrtszeit in Makkah befand sich der umayyadische Prinz und spätere Kalif Hisham ibn Abdul Malik (هِشَامُ بْنُ عَبْدِ الْمَلِكِ) in der Heiligen Moschee. Aufgrund des gewaltigen Menschenandrangs gelang es dem Prinzen trotz seiner Gefolgschaft und Wachen nicht, an den Schwarzen Stein heranzukommen, um ihn zu küssen.
In diesem Moment erschien Ali Zain al-Abidin. Als die versammelten Menschen ihn erblickten, geschah etwas Bemerkenswertes: Voller Ehrfurcht, Liebe und Respekt teilte sich die unüberschaubare Menschenmenge augenblicklich und machte ihm ehrerbietig Platz, sodass er mühelos zum Schwarzen Stein schreiten konnte.
Hisham ibn Abdul Malik war in seinem herrschaftlichen Stolz tief gekränkt, als er sah, wie das Volk dem Angehörigen der Prophetenfamilie freiwillig jene Ehrerbietung erwies, die ihm als Thronfolger verwehrt blieb. Um das Ansehen von Ali Zain al-Abidin herabzusetzen, fragte Hisham mit gespielter Gleichgültigkeit sein Gefolge: „Wer ist das?“. Einer seiner Begleiter wagte es aus Befangenheit nicht, ihm offen zu sagen, dass es der Enkel des Propheten ﷺ war.
Unter den Hofleuten befand sich der berühmte Dichter Al-Farazdaq (الْفَرَزْدَقُ). Obwohl Al-Farazdaq zu den Dichtergrößen der Umayyaden zählte und von ihren Zuwendungen lebte, überkam ihn in diesem Augenblick ein unwillkürlicher Gerechtigkeits- und Schutzinstinkt. Er hielt es für eine unerträgliche Heuchelei, dass man so tat, als kenne man diese erhabene Persönlichkeit nicht.
Al-Farazdaq trat vor den Prinzen und sagte unerschrocken: „Ich aber weiß genau, wer er ist!“. Daraufhin trug er auf der Stelle seine berühmte Ode vor:
«هَذَا الَّذِي تَعْرِفُ الْبَطْحَاءُ وَطْأَتَهُ … وَالْبَيْتُ يَعْرِفُهُ وَالْحِلُّ وَالْحَرَمُ»
«هَذَا ابْنُ خَيْرِ عِبَادِ اللَّهِ كُلِّهِمُ … هَذَا التَّقِيُّ النَّقِيُّ الطَّاهِرُ الْعَلَمُ»
«يَكَادُ يُمْسِكُهُ عِرْفَانَ رَاحَتِهِ … رُكْنُ الْحَطِيمِ إِذَا مَا قَامَ يَسْتَلِمُ»
«مَا قَالَ لَا قَطُّ إِلَّا فِي تَشَهُُّدِهِ … لَوْلَا التَّشَهُُّدُ كَانَتْ لَاؤُهُ نَعَمُ»
«وَلَيْسَ قَوْلُكَ مَنْ هَذَا بِضَائِرِهِ … الْعَرَبُ تَعْرِفُ مَنْ أَنْكَرْتَ وَالْعَجَمُ»„Dies ist jener, dessen Schritt der Boden von Makkah [Al-Batha’] kennt, den das Heilige Haus kennt, der unheilige- und der Heilige-Bezirk! (Al-Haram)
Dies ist der Sohn des Besten aller Diener Allahs überhaupt, dies ist der Gottesfürchtige, der Reine, der tadellose, das leuchtende Banner!
Wenn er vortritt, um den Stein zu berühren, ist es fast so, als würde die Ecke der Kaaba [Al-Hatim] ihn bereits am Duft seiner Handfläche wiedererkennen!
Niemals hat er ‚Nein‘ gesagt, außer bei seinem Glaubensbekenntnis [Tashahhud] – gäbe es das Tashahhud nicht, wäre sein ‚Nein‘ stets ein ‚Ja‘ [so grenzenlos ist seine Freigiebigkeit]!
Dass du fragst: ‚Wer ist das?‘, schadet ihm nicht im Geringsten – denn die Araber wie auch die Nichtaraber kennen jenen wohl, den du abzustreiten versuchst!“
Hisham geriet über diese kühne Zurechtweisung in Zorn und ließ Al-Farazdaq umgehend einkerkern. Als Ali Zain al-Abidin von der Einkerkerung des Dichters erfuhr, schickte er ihm als Entschädigung eine beachtliche Geldsumme ins Gefängnis. Al-Farazdaq wies das Geld jedoch zurück mit den Worten: „Ich habe diese Verse nicht aus Geldgier gesagt, sondern allein aus Liebe zu Allah und Seinem Gesandten!“. Ali Zain al-Abidin schickte ihm die Belohnung jedoch erneut zurück und ließ ihm sagen: „Wir sind ein Haushalt, der einmal Gegebenes nicht mehr zurücknimmt!“, woraufhin Al-Farazdaq die Gabe annahm.
Diese tiefe Verehrung für Ahl al-Bayt bildete das emotionale und geistige Fundament, auf dem die spätere Revolution aufbauen konnte.
Die Anhängerschaft von Ahl al-Bayt spaltete sich im historischen Verlauf in unterschiedliche Strömungen hinsichtlich der rechtmäßigen Führung: Eine Gruppe sah die Führung nach Al-Hussain bei seinem Bruder Muhammad ibn al-Hanafiya (مُحَمَّدُ بْنُ الْحَنَفِيَّةِ) – dem Sohn Alis von einer Frau aus dem Stamm Banu Hanifah –, während eine andere Gruppe die Nachfolge ausschließlich in der Fatimiden-Linie über Ali Zain al-Abidin, Muhammad al-Baqir und Ja’far al-Sadiq verankerte.
Die Anhänger von Muhammad ibn al-Hanafiya wurden von dessen Sohn Abu Hashim Abdullah ibn Muhammad ibn al-Hanafiya (أَبُو هَاشِمٍ عَبْدُ اللَّهِ بْنُ مُحَمَّدِ بْنِ الْحَنَفِيَّةِ) geführt, der von Kufa aus ein geheimes Organisationsnetzwerk leitete. Als Abu Hashim erfuhr, dass seine Lebenszeit zu Ende ging, reiste er nach Al-Humaymah zu seinem Verwandten Muhammad ibn Ali al-Abbasi. Auf dem Sterbebett übergab Abu Hashim ihm die Kontakte, die Geheimschlüssel und das gesamte Fundament seiner Untergrundorganisation.
Historische Untersuchungen belegen, dass Muhammad ibn Ali al-Abbasi nicht bloß ein fremdes Netz übernahm, sondern bereits über ein eigenes, hochgradig durchdachtes Organisationsfundament verfügte. Seine administrative und strategische Leistungsfähigkeit wies ihn als einen organisatorischen Genius allerersten Ranges aus.
Nach der Übernahme der Keimzelle des Netzwerks analysierte Muhammad ibn Ali die geopolitische Landkarte des islamischen Reiches und traf vier fundamentale Weichenstellungen, die über den künftigen Erfolg der Revolution entschieden:
Obwohl Kufa das emotionale Zentrum der Anhänger von Ahl al-Bayt war, lehnte er es als militärisches Hauptquartier ab.
Gefahr der gespaltenen Loyalität: Die Bewohner Kufas waren leidenschaftliche Alawiten. Sobald sie entdeckten, dass der angestrebte Kalif ein Abbaside und kein direkter Nachkomme Alis war, würde das Bündnis zerbrechen.
Mit Alawiten (Al-‘Alawiyyūn) wurden im 1. und 2. Jahrhundert nach der Hijra schlichtweg die Anhänger, Befürworter und direkten Nachkommen von Ali ibn Abi Talib (عَلِيُّ بْنُ أَبِي طَالِبٍ) bezeichnet, nicht die heutige Glaubenssekte.
Geheimdienstliche Überwachung: Kufa stand wegen seiner zahlreichen Aufstände unter schärfster Beobachtung des umayyadischen Sicherheitsapparates.
Unreife Emotionalität: Die Leute aus Kufa neigten zu spontanen, unüberlegten Frühaufständen.
Wie richtig diese Einschätzung war, bewies der spätere Aufstand von Zayd ibn Ali ibn Al-Hussain (زَيْدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ الْحُسَيْنِ) im Jahr 122 nach der Hijra. Zayd reiste wegen eines Rechtsstreits aus Medina (الْمَدِينَةُ) nach Kufa. Dort schlossen sich ihm spontan 40.000 Kufener an und drängten ihn zum sofortigen Aufstand gegen die Umayyaden. Als die kufischen Anhänger Zayd nach seiner Haltung zu den Rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakr und Umar befragten, lobte er sie als ehrwürdige Gefährten des Propheten ﷺ. Daraufhin sagten die Radikalen unter ihnen: „Dann lehnen wir dich ab!“ (woraus die Bezeichnung Rafidah entstand), während nur eine Minderheit bei ihm blieb (die Zaydiyyah). Muhammad ibn Ali hielt sein abbasidisches Netz strikt von Zayds unreifem Aufstand fern und wies seine Anhänger an, sich nicht zu beteiligen.
In Basra (الْبَصْرَةُ) herrschte eine uthmanisch-neutrale Haltung vor. Die Bevölkerung war friedliebend und neigte eher zur Ruhe als zu revolutionären Umstürzen.
In den heiligen Städten Makkah (مَكَّةُ) und Medina (الْمَدِينَةُ) dominierte eine traditionelle, ausgewogene Gelehrsamkeit. Die dortigen Gelehrten wahrten eine strikte Mäßigung und standen bewaffneten Aufständen gegen die bestehende Ordnung äußerst skeptisch gegenüber.
Muhammad ibn Ali wählte die weit entfernte Provinz Khorasan (خُرَاسَانُ) als militärische Keimzelle der Revolution. Das Wort Khorasan stammt aus dem Persischen (Khor-shams-asan) und bedeutet „Aufgang der Sonne“. Das Gebiet umfasste den heutigen Nordost-Iran, Nordafghanistan und Südost-Turkmenistan. Für Khorasan sprachen vier entscheidende Faktoren:
Muhammad ibn Ali baute eine beispiellose, dreistufige Geheimstruktur auf:
Zudem formulierte er die wohl wirkungsvollste Parole der Revolutionsgeschichte:
«الرِّضَا مِنْ آلِ مُحَمَّدٍ»
Al-Rida „Der Wohlgefallene aus der Familie Muhammads!“
Diese Parole war ein Meisterwerk der Kommunikationspsychologie: Sie war breit gefasst, geheimnisvoll und hochgradig attraktiv. Jeder Anhänger im Irak, in Persien oder Khorasan assoziierte damit sofort einen Nachkommen Alis und Fatimas. Niemand ahnte, dass ein Abbaside die Führung innehatte, da die Abbasiden zuvor nie militärische Aufstände angeführt hatten.
Der Kommunikationsknotenpunkt in Kufa wurde u.a. von dem kaufmännischen Agenten Bukayr ibn Mahan (بُكَيْرُ بْنُ مَاهَانَ) geleitet, der unter dem Deckmantel von Handelsreisen die Verbindungen aufrechterhielt.
Die Geheimorganisation arbeitete volle 30 Jahre im Untergrund (von ca. 97/98 n.H. bis 132 n.H.). Als der gerechte Kalif Umar ibn Abdul Aziz die Herrschaft antrat und Gerechtigkeit einkehrten ließ, wies Muhammad ibn Ali seine Anhänger an: „Ruht! Gegen einen gerechten Herrscher führt man keinen Aufstand!“ Erst nach dem Tod Umars wurde die Geheimarbeit wieder aufgenommen.
Ein geheimes Netzwerk über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten aufrechtzuerhalten, bringt enorme Sicherheits- und Führungsprobleme mit sich. Die abbasidische Bewegung erlitt schwere Rückschläge durch Enttarnungen seitens umayyadischer Statthalter in Khorasan wie Asad ibn Abdullah al-Qasri (أَسَدُ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ الْقَسْرِيُّ) und Nasr ibn Sayyar (نَصْرُ بْنُ سَيَّارٍ), die abbasidische Funktionäre festnehmen und hinrichten ließen.
Ein besonders gefährlicher Vorfall ereignete sich im operativen Zentrum in Khorasan:
Ein ehemaliger Christ, der zum Islam konvertierte und den Namen Ammar ibn Yazid (عَمَّارُ بْنُ يَزِيدَ) trug – bekannt unter seinem Beinamen Khadash (خَدَاشٌ) –, schaffte es, das Netzwerk in Khorasan zu unterwandern. Khadash besaß beträchtliches organisatorisches Geschick und stieg Schritt für Schritt auf, bis er schließlich die Position des militärischen und ideologischen Oberhaupts des gesamten abbasidischen Netzwerks in Khorasan erreichte.
Sobald er diese Schlüsselposition an der Spitze innehatte, begann er, extrem gefährliche und abweichende Batiniden-Ideen unter den Führern und Funktionären in Khorasan zu verbreiten. Dies berührte ein fundamentales strukturelles Problem in der schiitischen Gedankengeschichte: Das Konzept des unfehlbaren Imams, der angeblich über ein geheimes, verborgenes Wissen verfügt, das gewöhnlichen Gläubigen verschlossen bleibt. Khadash nutzte diesen Glauben schamlos aus. Er fing an, eindeutig verbotene Dinge für erlaubt zu erklären und die Pflichten der Scharia aufzuheben. Als scheinbare Begründung zog er den Quran-Vers aus Sure Al-Ma’idah heran:
«لَيْسَ عَلَى الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ جُنَاحٌ فِيمَا طَعِمُوا»
„Es ist für diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, keine Sünde in dem, was sie verzehren…“ (Sure Al-Ma’idah: 93)
Wenn verwirrte Funktionäre Khadash fragten, wie er zur Aufhebung der Scharia-Verbote komme, antwortete er ihnen, dass er dieses Wissen direkt vom unfehlbaren Imam empfangen habe und der Imam das innere, verborgene Verständnis des Quran besitze, das den normalen Menschen verschlossen sei. Auf diese Weise drohte die abbasidische Bewegung in Khorasan ideologisch völlig zu verfallen und in eine ketzerische Batiniden-Sekte abzugleiten.
Als der oberste Imam Muhammad ibn Ali al-Abbasi (مُحَمَّدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبَّاسٍ) im fernen syrischen Dorf Al-Humaymah (الْحُمَيْمَةُ) von dieser ideologischen Seuche in Khorasan erfuhr, handelte er umgehend und mit administrativer Härte:
Wenig später griff der umayyadische Statthalter von Khorasan, Asad ibn Abdullah al-Qasri (أَسَدُ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ الْقَسْرِيُّ), durch. Der Sicherheitsapparat der Umayyaden spürte Khadash auf und nahm ihn fest. Unter dem Verhör und der drohenden Hinrichtung brach Khadash ein und enthüllte dem umayyadischen Statthalter das bestgehüteste Geheimnis der gesamten Bewegung: Er verriet, dass der eigentliche Drahtzieher und oberste Imam der geheimen Revolution Muhammad ibn Ali al-Abbasi war, der im syrischen Dorf Al-Humaymah residierte.
Nachdem sein Name beim umayyadischen Geheimdienst aktenkundig geworden war, drohte der sofortige Schlag der Umayyaden gegen die Führungsgruppe in Al-Humaymah. Doch Muhammad ibn Ali bewies erneut sein überragendes politisches Geschick: Er verfasste umgehend offizielle Rundschreiben und Briefe, die er weit verbreitete. Darin wies er nicht nur jegliche Verbindung zu den abweichenden Ketzereien Khadashs entschieden zurück, sondern ermahnte seine Anhänger ausdrücklich zur Gesetzestreue und zum Gehorsam gegenüber den amtierenden umayyadischen Herrschern. durch diese kluge rhetorische und taktische Deeskalation entzog er den Umayyaden den Vorwand für ein sofortiges militärisches Eingreifen gegen seine Person. Er beruhigte die Wogen so wirkungsvoll, dass das Untergrundnetzwerk trotz des aufgedeckten Namens im Verborgenen weiterarbeiten konnte – bis Muhammad ibn Ali im Jahr 125 nach der Hijra eines natürlichen Todes starb.
Das Jahr 125 nach der Hijra bildete eine schicksalhafte Zäsur: Im selben Jahr starb nicht nur der Organisator der abbasidischen Revolution, Muhammad ibn Ali al-Abbasi, sondern auch der mächtige umayyadische Kalif Hisham ibn Abd al-Malik.
Nach dem Tod Hishams geriet das Umayyaden-Reich in eine Phase des beschleunigten inneren Zerfalls. Unter den nachfolgenden Kalifen – Al-Walid II., Yazid III. und schließlich Marwan II. – brachen im Hause der Umayyaden blutige Machtkämpfe und Bürgerkriege aus. Gleichzeitig flammten im gesamten Reich unzählige Aufstände auf: in Homs, in Palästina, in Syrien, in der Al-Jazirah al-Furatiyyah /(الْجَزِيرَةُ الْفُرَاتِيَّةُ), bei den Khawarij sowie im Maghreb.
In dieser Phase übernahm der Sohn Muhammad ibn Alis, Ibrahim al-Imam (إِبْرَاهِيمُ الإِمَامُ), die Führung des abbasidischen Netzwerks. Er war wie sein Vater ein Mann von hoher Gelehrsamkeit, Gottesfurcht und strategischer Weitsicht. Während die militärische Führung der Umayyaden an allen Fronten gebunden war, wies Ibrahim al-Imam die Kader in Khorasan an, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Vorbereitungen für den finalen Schlag zu vervollständigen.
Der umayyadische Statthalter in Khorasan, Nasr ibn Sayyar (نَصْرُ بْنُ سَيَّارٍ), ein erfahrener Feldherr, Dichter und Veteran der früheren Eroberungsfeldzüge, erkannte die aufkeimende Katastrophe mit geschärftem Blick. Er sah, wie das abbasidische Untergrundnetz unter der arabischen Kriegerschaft und der persischen Bevölkerung immer mächtiger wurde. Nasr ibn Sayyar verfasste verzweifelte Hilferufe an den umayyadischen Statthalter des Irak, Yazid ibn Umar ibn Hubayrah, sowie direkt an den Kalifen Marwan II. in Damaskus. In unsterblichen arabischen Gedichtsversen warnte er das Herrscherhaus vor dem drohenden Untergang:
«أَبْلِغْ يَزِيدَ وَخَيْرُ الْقَوْلِ أَصْدَقُهُ … وَقَدْ تَبَيَّنْتُ أَنْ لَا خَيْرَ فِي الْكَذِبِ» «أَنَّ خُرَاسَانَ أَرْضٌ قَدْ رَأَيْتُ بِهَا … فَرْخًا لَوَازِغَ بَعْدَ الْحَادِثِ الْعَجَبِ» «فَإِنْ يَطِرْنَ وَلَمْ يُحْتَلْ لَهُنَّ بِهَا … يُوقِدْنَ نِيرَانَ حَرْبٍ أَيَّمَا لَهَبِ»
„Überbringt Yazid meine Nachricht – und das beste Wort ist das wahrhaftige, und es hat sich gezeigt, dass Lügen keinen Segen bringt! Wahrlich, Khorasan ist ein Land, in dem ich Küken erblickt habe, die nach erstaunlichen Ereignissen herangewachsen sind! Wenn sie flügge werden und man ihnen nicht mit List begegnet, werden sie die Flammen eines Krieges entfachen, dessen Glut gewaltig brennt!“
Und in seinen berühmten Zeilen an den Kalifen Marwan II. rief er aus:
«أَرَى بَيْنَ الرَّمَادِ وَمِيضَ جَمْرٍ … وَيُوشِكُ أَنْ يَكُونَ لَهُ ضِرَامُ» «فَإِنَّ النَّارَ بِالْعُودَيْنِ تُزْكَى … وَإِنَّ الْحَرْبَ مَبْدَأُهَا الْكَلاَمُ» «فَقُلْتُ مِنَ التَّعَجُّبِ لَيْتَ شِعْرِي … أَيَقَاظٌ أُمَيَّةُ أَمْ نِيَامُ؟» «فَإِنْ يَكُ قَوْمُنَا سَهَوْا وَنَامُوا … فَقُلْ قُومُوا فَقَدْ حَانَ الْقِيَامُ» «فَسُرِّي عَنْ رِحَالِكِ ثُمَّ قُولِي … عَلَى الإِسْلاَمِ وَالْعَرَبِ السَّلاَمُ»
„Ich sehe unter der Asche das Glühen von Kohlen, und es steht kurz bevor, dass daraus ein verheerendes Feuer brennt! Denn das Feuer wird durch zwei Hölzer entfacht, und der Anfang des Krieges ist das gesprochene Wort! Da fragte ich mich voller Staunen: O wenn ich nur wüsste, sind die Umayyaden wach oder schlafen sie? Wenn unser Volk erblindet ist und schläft, so sprich zu ihnen: Steht auf, denn die Zeit des Aufstands ist gekommen! Wende dich ab von deinen Behausungen und sprich sodann: Friede sei über dem Islam und den Arabern!“
Doch die Führung in Damaskus war durch die eigenen Bürgerkriege so gelähmt, dass sie Nasr ibn Sayyar weder Truppen noch Verstärkung schicken konnte.
In dieser kritischen Phase traf Ibrahim al-Imam eine der folgenschwersten Entscheidungen der Geschichte: Er ernannte den etwa zwanzigjährigen Freigelassenen Abu Muslim al-Khurasani (أَبُو مُسْلِمٍ الْخُرَاسَانِيُّ) zum obersten militärischen und politischen Befehlshaber in Khorasan.
Abu Muslim war eine der erstaunlichsten Figuren der politischen Geschichte: Er war von kleiner, schmaler Statur, hatte eine dunkle Hautfarbe und entstammte der Klasse der persischen Freigelassenen. Doch hinter diesem unscheinbaren Äußeren verbarg sich ein phänomenales Genie, geprägt von herausragender Intelligenz, enormer Durchsetzungskraft, diplomatischem Geschick und kühlem politischem Kalkül.
Zuvor hatten die altgedienten Begründer des Khorasan-Netzwerks – wie Sulayman ibn Kathir (سُلَيْمَانُ بْنُ كَثِيرٍ) – die militärische Führung abgelehnt, sei es aus persönlicher Bescheidenheit oder aus Überforderung vor der Last der Aufgabe. Ibrahim al-Imam hatte die außergewöhnlichen Begabungen Abu Muslims erkannt, als dieser zuvor als vertraulicher Kurier die Geheimbriefe zwischen Kufa, Khorasan und Al-Humaymah transportiert hatte.
Abu Muslim reiste nach Khorasan und übernahm mit eiserner Hand die Führung. Um die Massen zu mobilisieren, nutzte er das von Muhammad ibn Ali entworfene Revolutionsmotto:
«الرِّضَا مِنْ آلِ مُحَمَّدٍ»
Al-Rida „Der Wohlgefallene aus der Familie Muhammads!“
Im Jahr 129 nach der Hijra hisste Abu Muslim al-Khurasani im Dorf Sikadanj (سَفِيذَنْج) bei Merv die Schwarzen Banner der Revolution. Er rief das erste Befreiungsmanifest aus und verkündete das Ende der umayyadischen Herrschaft in Khorasan. In virtuosen politischen und militärischen Schachzügen nutzte Abu Muslim die Stammesrivalitäten zwischen den arabischen Stämmen der Mudar und Yaman in Khorasan aus, neutralisierte den Statthalter Nasr ibn Sayyar und eroberte die gesamte Provinz.
Als der umayyadische Kalif Marwan II. begriff, dass die Erhebung in Khorasan kein gewöhnlicher lokalen Aufstand war, sondern ein hochorganisierter Umsturzversuch, verhängte er den Ausnahmezustand über die östlichen Provinzen.
Ein umayyadischer Spähtrupp fing schließlich einen geheimen Kurier ab, der eine vertrauliche Botschaft von Ibrahim al-Imam aus Al-Humaymah an seine Generäle trug. Dadurch wurde der Name und der Aufenthaltsort des obersten Imams enthüllt. Marwan II. ließ Al-Humaymah umzingeln, nahm Ibrahim al-Imam fest und ließ ihn im Gefängnis von Harran hinrichten.
Doch die Hinrichtung Ibrahims konnte den Untergang des Umayyaden-Reiches nicht mehr aufhalten – die Maschinerie der Revolution lief bereits unaufhaltsam. Vor seiner Festnahme hatte Ibrahim al-Imam das Testament hinterlassen, dass die Führung im Falle seines Todes an seinen 27-jährigen jüngeren Bruder Abu al-Abbas Abdullah ibn Muhammad (أَبُو الْعَبَّاسِ عَبْدُ اللَّهِ بْنُ مُحَمَّدٍ) übergehen solle.
Unter dem abbasidischen General Qahtabah ibn Shabib al-Ta’i (قَحْطَبَةُ بْنُ شَبِيبٍ الطَّائِيُّ) rückte das schlagkräftige Heer aus Khorasan unaufhaltsam nach Westen vor. Sie eroberten Fars und den Irak. In der epischen Schlacht am Fluss Zab im Jahr 132 nach der Hijra trafen die Hauptstreitkräfte der Abbasiden auf das umayyadische Hauptheer unter der persönlichen Führung von Kalif Marwan II.
Es kam zu einem merklichen historischen Ausgang: Obwohl der abbasidische Oberbefehlshaber Qahtabah ibn Shabib in den Wirren der Schlacht ertrank und den Sieg nicht mehr erlebte, errang das disziplinierte abbasidische Heer den vollständigen Sieg über das von Stammeszwistigkeiten zerrissene Umayyaden-Heer. Marwan II. floh über Syrien nach Ägypten, wurde jedoch von den nachsetzenden abbasidischen Truppen in der Ortschaft Busir in der Provinz Bani Suef aufgespürt und getötet. Damit endete die Herrschaft der Umayyaden im Orient im Jahr 132 nach der Hijra.
Das siegreiche abbasidische Heer zog in Kufa ein, das zur vorübergehenden Hauptstadt des neuen Reiches gewählt wurde. Kufa war die natürliche Wahl, da es historisch das emotionale Herzstück aller Anhänger der Prophetenfamilie darstellte.
In Kufa trat der dortige Leiter der Geheimorganisation auf: Abu Salama al-Khallal (أَبُو سَلَمَةَ الْخَلاَّلُ), der den Titel „Minister der Familie Muhammads“ trug. Als Abu Salama erfuhr, dass Ibrahim al-Imam getötet worden war und dessen junger Bruder Abu al-Abbas in Kufa eingetroffen war, versuchte er in letzter Minute ein machtpolitisches Eigenmächtigkeitsmanöver:
Da das Volk bisher nur die geheimnisvolle Parole Al-Rida „Der Wohlgefallene aus der Familie Muhammads“ kannte, beschloss Abu Salama, die Abbasiden zu übergehen. Er schickte geheime Boten an drei herausragende Persönlichkeiten aus der direkten Linie Alis – darunter an Ja’far al-Sadiq (جَعْفَرٌ الصَّادِقُ) –, um ihnen die Führung des Staates auf einem Silbertablett anzubieten.
Doch die alawitischen Gelehrten lehnten das Angebot konsequent ab. Nach neun Jahrzehnten voller politischer Verfolgungen und gescheiterter Aufstände verweigerten sie die Verstrickung in diesen blutigen Machtkampf. Ja’far al-Sadiq verbrannte den Brief Abu Salamas ungelesen über einer Kerze.
Gleichzeitig schöpften die Generäle des Khurasaner Heeres Verdacht gegen Abu Salama, der Abu al-Abbas und dessen Familie in einem Haus in Kufa isoliert hielt. Sie spürten das Versteck auf, befreiten Abu al-Abbas al-Saffah und führten ihn am 12. Rabi’ al-Awwal des Jahres 132 nach der Hijra in die Hauptmoschee von Kufa. Dort bestieg Abu al-Abbas die Kanzel, nahm die allgemeine Huldigung entgegen und wurde zum ersten Kalifen der Abbasiden-Dynastie ausgerufen.
In seiner Antrittsrede in der Moschee von Kufa sprach der neue Kalif Abu al-Abbas jenen Satz aus, der ihm seinen historischen Beinamen einbrachte:
„Freut euch, denn ich bin Al-Saffah!“
In der klassischen arabischen Sprache bedeutet das Wort Al-Saffah (الصَّفَّاحُ) ursprünglich: der übermäßig Freigiebige und Großzügige (abgeleitet von Safah al-Mal – „das Geld großzügig ausgießen“). Abu al-Abbas verwendete diesen Begriff in seiner Antrittsrede als Versprechen von Wohlstand, Freigiebigkeit und dem Ende umayyadischer Tyrannei.
Warum wandelte sich die Bedeutung des Namens in der geschichtlichen Wahrnehmung zum Synonym für einen blutrünstigen Schlächter? Der Grund liegt in der eiskalten Härte, mit der zwei führende Gestalten die Festigung des neuen Reiches durchsetzten:
Diese Politik des Verrats und des exzessiven Blutvergießens stieß selbst bei Kalif Abu al-Abbas auf scharfe Ablehnung. Als er von den Willkürakten seines Onkels erfuhr, erließ er ein striktes Dekret und schickte eine dringende Weisung an Abdullah ibn Ali: Er verbot ihm ausdrücklich, fortan irgendjemanden ohne seine vorherige persönliche Genehmigung hinzurichten.
Abu al-Abbas erkannte die fatalen politischen Folgen dieser Exzesse: Durch das Brechen von Sicherheitsgarantien wurden selbst jene Städte, Stämme und Kreise, die sich bereits mit der neuen Herrschaft abgefunden hatten, erneut in den bewaffneten Widerstand getrieben. Wenn Bürger erkennen, dass eine Kapitulation oder eine Sicherheitsgarantie keinen Schutz vor dem Tod bietet, kämpfen sie bis zum Äußersten – nach dem Muster des bekannten Gleichnisses, in dem selbst ein Esel flieht, wenn die Obrigkeit unberechtigt Jagd auf Affen macht. Die Maßlosigkeit Abdullah ibn Alis entfachte in Syrien unnötige Aufstände und erschwerte die Pazifizierung des Reiches erheblich.
Der historiografische Titelzwang der Abbasiden-Kalifen:
Während die Umayyaden-Kalifen unter ihren bürgerlichen Eigennamen regierten (wie Al-Walid, Hisham, Abdul Malik), etablierte sich unter den Abbasiden die Tradition ehrenvoller Herrschertitel (wie Al-Mansur, Al-Mahdi, Al-Rashid, Al-Ma’mun, Al-Mu’tasim). Als spätere Historiker feststellten, dass alle abbasidischen Kalifen offizielle Regierungs-Beinamen trugen, der erste Kalif Abu al-Abbas jedoch keinen gesonderten Thronnamen besaß, griffen sie auf jenes Wort zurück, das er in seiner Kufa-Rede über sich selbst gesagt hatte: Al-Saffah. Durch die blutigen Säuberungsaktionen seiner Vollstrecker wurde dieser Name jedoch im Volksmund fortan als „Blutvergießer“ missverstanden.
Blickt man aus der Distanz der Jahrhunderte auf das Entstehen der Abbasiden-Dynastie, lassen sich fundamentale Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels ablesen.
Sowohl der islamische Geschichtsphilosoph Ibn Khaldun als auch moderne Soziologen – wie der US-amerikanische Historiker Crane Brinton in seinen Untersuchungen zur Soziologie von Revolutionen – haben ein eisernes Gesetz formuliert: Kein etablierter Machtapparat stürzt, solange die herrschende Elite im Inneren geschlossen und stark ist.
Erst wenn unheilbare Risse, Nachfolgekämpfe und moralischer Verfall im Inneren des Herrscherhauses auftreten, entsteht das historische Fenster der Möglichkeit. Die Abbasiden bewiesen überragende strategische Klugheit, indem sie dreißig Jahre lang geduldig im Untergrund eine professionelle Organisationsstruktur aufbauten, ihre Kräfte schonten und exakt auf jenen Moment warteten, in dem die Umayyadenherrschaft im Inneren zerbrach.
Als Muslime unterwerfen wir dieses geschichtliche Geschehen jedoch stets dem unumstößlichen Maßstab der Scharia:
So verständlich der politische Machtkampf aus rein weltlicher Sicht sein mag – das maßlose Vergießen von Blut, das Brechen von Sicherheitsgarantien und das Überschreiten der Scharia-Grenzen bleibt vor Allah eine Sünde und ein Verbrechen, ganz gleich, wer es begeht. Ein Staat besitzt das Recht, seine Ordnung zu schützen; doch Unschuldige dürfen niemals den Interessen politischer Säuberungen geopfert werden.
Mit der Befreiung von Abu al-Abbas aus dem Hausarrest in Kufa (الْكُوفَةُ) und seiner Ausrufung zum ersten Kalifen des abbasidischen Reiches im Jahr 132 nach der Hijra begann die Ära der staatlichen Konsolidierung.
Abu al-Abbas war zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung ein junger Mann von etwa 27 oder 28 Jahren. Er war damit ungefähr sieben bis neun Jahre jünger als sein älterer Bruder Abu Ja’far al-Mansur (أَبُو جَعْفَرٍ الْمَنْصُورُ).
Dass der verstorbene oberste Imam Ibrahim al-Imam (إِبْرَاهِيمُ الإِمَامُ) vor seiner Festnahme dennoch den jüngeren Abu al-Abbas für die Nachfolge im Kalifat bestimmte und ihm den Vorzug vor Abu Ja’far al-Mansur gab, unterstreicht die außergewöhnliche Persönlichkeit Abu al-Abbas’. Blickt man auf die spätere historische gigantische Gestalt von Abu Ja’far al-Mansur und seine beispiellose Staatskunst, wird deutlich, welch gewaltige Autorität, Entschlossenheit und Führungsstärke Abu al-Abbas besessen haben muss, um in den Augen seines Bruders und der Führungsriege als der geeignetere Kalif für die Geburtsstunde des Reiches zu gelten.
Die Herrschaft von Abu al-Abbas war von kurzer Dauer. Er war gesundheitlich geschwächt und verstarb nach nur vierjähriger Regierungszeit im Jahr 136 nach der Hijra im Alter von etwa 32 Jahren. Dennoch gelang es ihm in diesen vier Jahren, das Fundament des abbasidischen Weltreiches unumstößlich zu verankern.
Sofort nach seinem Machtantritt begann Abu al-Abbas mit der systematischen Absicherung des Reiches. Er entsandte schlagkräftige Armeen, um die verbliebenen Bastionen der alten Umayyaden-Herrschaft zu zerschlagen und den geflohenen letzten Umayyaden-Kalifen Marwan II. (مَرْوَانُ بْنُ مُحَمَّدٍ) unnachgiebig zu verfolgen.
Die abbasidischen Streitkräfte rückten nach Damaskus (دِمَشْقُ) und durch Syrien vor, überquerte die Grenzen und setzten die Verfolgung Marwans II. bis nach Ägypten fort. In der Ortschaft Busir (بُوصِيرٌ) in der oberägyptischen Provinz Beni Suef wurde Marwan II. schließlich aufgespürt und im Kampf getötet. Damit war die Linie der umayyadischen Kalifen im Osten endgültig erloschen.
Gleichzeitig ließ Abu al-Abbas die einflussreichsten Führungspersönlichkeiten des umayyadischen Stammes und Apparates verfolgen. Aus staatspolitischem Kalkül war dieser Schritt unvermeidlich: Nach jedem historischen Umsturz verbleiben im alten Machtapparat einflussreiche Kräfte und Netzwerke, die auf eine Restauration der alten Verhältnisse hinarbeiten. Um das Überleben des jungen Staates zu sichern, mussten jene Schlüsselpersonen neutralisiert werden, die das Potenzial besaßen, die umayyadische Herrschaft im Osten wiederzubeleben. Der einzige umayyadische Prinz, dem die Flucht aus diesem Zugriff gelang, war Abd al-Rahman ibn Mu’awiyah (عَبْدُ الرَّحْمٰنِ بْنُ مُعَاوِيَةَ / صَقْرُ قُرَيْشٍ), der im fernen Al-Andalus (الأَنْدَلُسُ) das umayyadische Emirat von Córdoba begründete. Ein einziger entkommener Prinz dieses Kalibers reichte aus, um ein ganzes Weltreich neu zu errichten. Hätten die Abbasiden mehrere solcher Persönlichkeiten unbehelligt gelassen, wäre das abbasidische Kalifat binnen kürzester Zeit von konterrevolutionären Aufständen der Umayyaden zerschlagen worden.
In vielen Geschichtsbüchern finden sich maßlose Übertreibungen bezüglich der Opferzahlen der abbasidischen Säuberungen. So behaupten manche späten Berichte, in Damaskus oder bei den Säuberungen seien 50.000 oder 80.000 Menschen hingerichtet worden.
Hierzu muss eine eindringliche historischen Differenzierung vorgenommen werden: Die Abbasiden waren keine Tataren (bzw. Mongolen)!
Die historische Betrachtung der Abbasiden offenbart eine tiefgreifende psychologische Dynamik im Wandel der Zeiten.
Der große Historiker Al-Dhahabi (الذَّهَبِيُّ) brachte die gespaltene Empfindung der Nachwelt sechs Jahrhunderte später auf den Punkt, als er schrieb:
„Bei Allah, es hat uns erfreut, dass das Kalifat an sie [die Prophetenfamilie] überging; aber es hat uns zutiefst betrübt, was dabei an Blut vergossen wurde!“
Dr. Elhamy beschreibt aus eigener wissenschaftlicher Erfahrung, wie die Wahrnehmung staatlicher Härte stark vom eigenen gesellschaftlichen Erleben abhängt:
Aus islamisch-historischer Perspektive darf dieser politische Pragmatismus jedoch niemals dazu verleiten, das Überschreiten göttlicher Grenzen zu rechtfertigen:
Keine Entschuldigung für Exzesse: „Ich kann weder Al-Hajjaj ibn Yusuf entschuldigen, noch Abu Muslim al-Khurasani, noch Abdullah ibn Ali.“ Diese Personen bleiben in der Geschichte unverrückbar Verbrecher (مُجْرِمُونَ) und Blutvergießer (سَفَّاكُونَ). Wer ihre Exzesse mit politischer Notwendigkeit entschuldigt, müsste konsequenterweise auch die Verbrechen moderner Diktatoren und Unterdrücker entschuldigen. Kein muslimischer Historiker – weder in der klassischen Epoche noch heute – hegt Liebe für Al-Hajjaj oder Abu Muslim.
Der Maßstab von Mu’awiyah ibn Abi Sufyan: Das islamische Ideal der Staatskunst wird durch das berühmte Wort von Mu’awiyah ibn Abi Sufyan (مُعَاوِيَةُ بْنُ أَبِي سُفْيَانَ) verkörpert:
„Ich setze mein Schwert nicht dort ein, wo meine Peitsche genügt; und ich setze meine Peitsche nicht dort ein, wo meine Zunge genügt!“
Das prophetische Vorbild bei der Eroberung Makkahs: Als der Prophet ﷺ Makkah siegreich einnahm und die vollkommene Macht besaß, verhängte er die Todesstrafe über etwa zehn Einzelpersonen, die schwerste Verbrechen begangen hatten. Allen übrigen Einwohnern Makkahs – obwohl sie ihn jahrelang bekämpft hatten – gewährte er die allgemeine Begnadigung.
Die Grenze zwischen Notwendigkeit und Verbrechen: Das Ausschalten einer Handvoll unbelehrbarer Schlüsselakteure zur Sicherung der Ordnung mag eine staatspolitische Notwendigkeit sein; das Überschreiten dieser (الضرورة) (Notwendigkeit), das Abschlachten von Hunderten, das Brechen von Versprechen oder die Zerstörung ganzer Städte (wie das Massaker von Hama unter Hafez al-Assad) ist reines Verbrechen und schwere Sünde vor Allah.
Zum Abschluss analysiert Dr. Elhamy die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlichen Wandels und die Bedingungen für das Gelingen von Revolutionen.
Der große Geschichtssoziologe Ibn Khaldun (ابْنُ خَلْدُونٍ) formulierte das unumstößliche Prinzip:
«الْمُلْكُ قَلَّ أَنْ يُسَلِّمَهُ أَحَدٌ إِلَّا بِقِتَالٍ»
„Herrschaft wird selten von jemandem freiwillig übergeben – außer durch Kampf.“
Keine herrschende Elite tritt ihre Macht freiwillig ab, solange sie über die Mittel verfügt, sie aufrechtzuerhalten.
Der amerikanische Historiker und Soziologe Crane Brinton beschrieb in seinem Standardwerk zur Soziologie der Revolution (The Anatomy of Revolution / Anatomie der Revolution), dass Umstürze nicht in Zeiten staatlicher Stärke gelingen. Zu den ersten Anzeichen einer herannahenden Revolution (Nuzur al-Thawrah) gehört das Auftreten tiefgreifender Risse innerhalb der herrschenden Klasse selbst – wenn führende Köpfe des Regimes erkennen, dass die aktuelle Politik in den Untergang führt.
Genau dies geschah beim Niedergang der Umayyaden: Die blutigen Nachfolgekämpfe zwischen Al-Walid II., Yazid III. und Marwan II. sowie die zeitgleichen Aufstände in Syrien, der Jazira, im Maghreb und bei den Khawarij zerrütteten den Machtapparat derart, dass das geschaffene Machtvakuum von der abbasidischen Geheimorganisation genutzt werden konnte.
Bedeutet die Erkenntnis, dass stabile Systeme nicht stürzen, dass man Unrecht tatenlos hinnehmen sollte? Nein!
Das islamische Rechtsprinzip fordert das Ausbalancieren zwischen der Pflicht zur Veränderung von Unrecht (Inkar al-Munkar) und der Verhinderung einer noch größeren Versuchung/Fitnah (Mafsadah):
Für das vertiefte Studium dieser Epoche empfehlen sich die Werke der führenden Fachhistoriker:
Damit schließt die Analyse von Episode 27 der Enzyklopädie-Reihe „100 Fragen in der Geschichte“ über die Geburtsstunde des Abbasiden-Reiches.
Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.
A comprehensive historical and constitutional reconstruction of the 30-year Abbasid secret organization, the emergence of its foundational legitimacy, and the transformation of the Islamic imperial structure from the analytical perspective of Dr. Muhammad Elhamy.
When we stand on the threshold of the sixth topic block of our interview series and turn to the era of the Abbasid Dynasty (Al-Dawlah al-Abbasiyyah), we enter an era that not only redrew the map of the Orient, but fundamentally transformed the essence of Islamic statehood. To understand the phenomenon of the Abbasid revolution in all its depth, we must not content ourselves with merely recounting the collapse of the Umayyads in the year 132 after the Hijra. Rather, we must uncover the deeper roots: Who were the Abbasids? What position did they occupy in the House of the Prophet ﷺ (Ahl al-Bayt)? And in what manner did a family operating in secrecy achieve what was arguably the most spectacular and meticulously organized transfer of power in Islamic history?
To understand the foundation of Abbasid legitimacy, we must return to the root of the family. The ancestor of the house was Al-Abbas ibn Abd al-Muttalib (الْعَبَّاسُ بْنُ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ) – the paternal uncle of the Prophet Muhammad ﷺ. Al-Abbas was only two to three years older than the Prophet ﷺ, grew up with him in Makkah (مَكَّةُ), and enjoyed high esteem among the Quraish (قُرَيْشٌ). He was entrusted with the honorable office of providing water to the pilgrims (Siqayat al-Hajj / سِقَايَةُ الْحَاجِّ).
Although Al-Abbas announced his acceptance of Islam publicly only late – at the latest during the Opening of Makkah in the year 8 after the Hijra –, historical reports demonstrate that his inclination toward Islam and his protection for the Prophet ﷺ had existed long before. When Umar ibn al-Khattab (عُمَرُ بْنُ الْخَطَّابِ) once directed a sharp word to Al-Abbas in a debate and Al-Abbas countered that Umar only treated him this way because he did not stem from his own tribe, Banu Adi, Umar replied full of reverence and emotion:
“Restrain yourself, O Abbas! By Allah, your conversion to Islam on the day you became Muslim was more beloved to me than the conversion of my own father Al-Khattab, had he become Muslim! For I knew that your Islam was more beloved to the Messenger of Allah ﷺ than the Islam of Al-Khattab!”
These words reveal the spirit of that generation: The Companions loved what the Prophet ﷺ loved more than their own fathers and tribal bonds. Al-Abbas maintained his high dignity under Caliphs Abu Bakr al-Siddiq (أَبُو بَكْرٍ الصِّدِّيقُ) and Umar ibn al-Khattab, and passed away during the reign of Uthman ibn Affan (عُثْمَانُ بْنُ عَفَّانَ) at the age of 88.
The most prominent son of Al-Abbas was Abdullah ibn Abbas (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ عَبَّاسٍ) – a gigantic figure in the history of scholarship. He was regarded as the Scholar of the Ummah (Habr al-Ummah / حَبْرُ الأُمَّةِ) and the Interpreter of the Quran (Turjuman al-Quran / تُرْجُمَانُ الْقُرْآنِ). The Prophet ﷺ had personally prayed for him:
«اللَّهُمَّ فَقِّهْهُ فِي الدِّينِ وَعَلِّمْهُ التَّأْوِيلَ» “O Allah, grant him deep understanding in the religion and teach him the interpretation of the Quran!”
Ibn Abbas left behind an immense school of knowledge in Makkah and educated that generation of scholars who laid the foundation of Islamic jurisprudence (Fiqh) and exegesis (Tafseer).
In Islamic jurisprudence (Fiqh), the term Ahl al-Bayt (أَهْلُ الْبَيْتِ) – the members of the prophetic house – encompasses the descendants of Hashim (هَاشِمٌ) and Al-Muttalib (الْمُطَّلِبُ): this includes the descendants of Ali, the descendants of Al-Abbas, the descendants of Aqil, and the descendants of Jafar. In the first decades of Islam, they all represented the ideal of piety, asceticism, and scholarship.
Ibn Sa’d transmitted in his monumental work Al-Tabaqat al-Kubra:
“The Khilafah came to the sons of Al-Abbas when there was no one on earth who was more scholarly, more noble, or more God-fearing than they!”
This high regard was also reflected in the conduct of the Companions and Tabi’un toward the descendants of Ali. When the Umayyad prince Hisham ibn Abdul Malik could not reach the Black Stone (Al-Hajar al-Aswad) during the pilgrimage due to the dense crowds, Ali Zain al-Abidin (عَلِيُّ زَيْنُ الْعَابِدِينَ) – the son of Al-Husayn – suddenly appeared. Instantly, the crowd parted full of reverence and made way for him. When Hisham asked, aggrieved: “Who is that?”, the famous poet Al-Farazdaq stepped forward and recited his immortal verses:
«هَذَا الَّذِي تَعْرِفُ الْبَطْحَاءُ وَطْأَتَهُ … وَالْبَيْتُ يَعْرِفُهُ وَالْحِلُّ وَالْحَرَمُ» «هَذَا ابْنُ خَيْرِ عِبَادِ اللَّهِ كُلِّهِمُ … هَذَا التَّقِيُّ النَّقِيُّ الطَّاهِرُ الْعَلَمُ» “This is he whose step the valley of Makkah knows, whom the Sacred House knows, the open land and the sanctuary! This is the son of the best of all servants of Allah, this is the God-fearing, the faultless, the pure, the shining beacon”
After the martyrdom of Ali and the establishment of the Umayyad Dynasty under Muawiyah I, the Abbasids largely withdrew from daily politics. They remained in Medina and devoted themselves to teaching. However, with the emergence of succession turmoil and Alawite uprisings, the Umayyads began to view the presence of prominent members of the Prophetic family in the major centers as a security risk.
The Umayyad Caliph Abdul Malik ibn Marwan (or according to other reports Hisham ibn Abd al-Malik) eventually arranged the relocation of the Abbasid family from Medina. They assigned them the remote village of Al-Humaymah (الْحُمَيْمَةُ) in southern Jordan on the border with the Syrian desert as their residence. The logic of the Umayyads was simple: They wanted to isolate the Abbasids from the political center and make them forgotten in the wilderness. However, this exile proved to be the gravest strategic error of the Umayyads. Al-Humaymah lay precisely at the intersection of the major caravan routes between Sham, the Hijaz, Iraq, and Yemen. Unnoticed by the secret service in Damascus, the grandson of Ibn Abbas – Muhammad ibn Ali ibn Abdullah ibn Abbas (مُحَمَّدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ عَبْدِ اللَّهِ) – transformed this seemingly insignificant desert village into the neural center of a worldwide secret organization.
When in the year 98 after the Hijra the Alawite leader Abu Hashim (son of Muhammad ibn al-Hanafiya) arrived in Al-Humaymah before his death and transferred his followers as well as the intelligence network to Muhammad ibn Ali al-Abbasi, the latter took the reins. As an organizational and administrative genius of the highest order, Muhammad ibn Ali made four epochal decisions that guaranteed the success of the Abbasid revolution:
Most previous uprisings against the Umayyads had ignited and failed in Kufa. Muhammad ibn Ali recognized two fundamental vulnerabilities of Kufa:
Basra was divided between Uthmanic and Alawite currents; Makkah and Medina lay geographically isolated and possessed no powerful military base.
Muhammad ibn Ali looked at the map of the empire and selected distant Khorasan (خُرَاسَانُ) in northeastern Persia. His rationale was brilliant:
Instead of naming a specific Abbasid candidate, Muhammad ibn Ali devised the most mysterious and effective slogan in revolutionary history:
«الرِّضَا مِنْ آلِ مُحَمَّدٍ» “The Acceptable/Chosen One from the Family of Muhammad!”
This slogan was a masterpiece of communication psychology: It was broad, mysterious, and highly attractive. Every inhabitant of Iraq, Persia, or Khorasan who heard this call projected his own hopes into it and automatically thought of a descendant of Ali and Fatima. No one suspected that an Abbasid was pulling the strings in secret, since the Abbasids had never previously led military uprisings.
From 98 AH to 132 AH, the Abbasid movement operated in absolute secrecy. Muhammad ibn Ali built an iron hierarchy:
All threads converged in Al-Humaymah. When the righteous Caliph Umar ibn Abdul Aziz (99–101 AH) reigned, the movement froze all agitation, as his justice left no room for revolt. Only after his death did the clandestine work regain momentum.
After the death of Muhammad ibn Ali, his son Ibrahim al-Imam (إِبْرَاهِيمُ الإِمَامُ) assumed leadership. He dispatched the young, iron strategist Abu Muslim al-Khurasani to Khorasan. Abu Muslim proved to be an organizational genius of clinical coldness. Within a few years, he united the feuding tribes of Khorasan, exploited the feuds between the Qaysites and Yamanites, and raised the black banners of the Abbasids in the year 129 AH.
The Umayyad governor in Khorasan, Nasr ibn Sayyar (نَصْرُ بْنُ سَيَّارٍ), recognized the mortal danger and sent desperate cries for help and poems to Caliph Marwan II in Damascus:
«أَرَى خَلَلَ الرَّمَادِ وَمِيضَ جَمْرٍ … وَيُوشِكُ أَنْ يَكُونَ لَهُ ضِرَامُ» «فقلت من التعجب ليت شعري … أأيقاظ أمية أم نيام؟»
“I see beneath the ashes the gleam of embers, and soon indeed a raging fire will burst forth from them! So I exclaimed in wonder: Would that I knew, are Banu Umayyah awake or asleep?”
Yet the Umayyad power apparatus was paralyzed. Although Marwan II eventually intercepted an Abbasid messenger and had Ibrahim al-Imam arrested in Al-Humaymah and executed, the wheel of history could no longer be stopped. Ibrahim had timely transferred the succession to his younger brother Abu al-Abbas (أَبُو الْعَبَّاسِ).
The Abbasid army marched westward under Qahtabah ibn Shabib, crushed the Umayyad troops in the Battle of the Zab River (132 AH), and entered Kufa triumphantly. In the year 132 after the Hijra, Abu al-Abbas al-Saffah was proclaimed the first Abbasid Caliph in the main mosque of Kufa.
A central historiographical misunderstanding concerns the epithet of the first Abbasid Caliph, Abu al-Abbas. In modern perception, the word Al-Saffah is mistakenly interpreted as “bloodshedder” or “slaughterer.”
In the classical Arabic language at the time of the founding, however, Al-Saffah meant “the abundantly generous” or “the bestower of abundance” (from Safaha al-Ma’ / Al-Jood – the pouring out of gifts and bounty). During his inaugural address, Abu al-Abbas promised the people full treasuries and generous stipends. Only later historians, looking back at the bloody purges against the Umayyads conducted by his uncle Abdullah ibn Ali and Abu Muslim al-Khurasani, transformed the meaning of the name in popular parlance into “bloodshedder.”
The transition from the Umayyads to the Abbasids was not merely a change of ruling family, but a profound civilizational structural transformation, as described by Ibn Khaldun in his Muqaddimah and the historian Crane Brinton in his theories of revolution:
For in-depth study of this era, the works of leading specialist historians are recommended:
All praise belongs to Allah, Lord of the worlds.
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Eine vollständige, ungekürzte historische und geschichtssoziologische Abhandlung über das Werden der Abbasiden-Dynastie, die Ursachen der Revolution gegen die Umayyaden, die 30-jährige Geheimorganisation in Al-Humaymah und Khorasan sowie die Etablierung des neuen Kalifats aus der Analyseperspektive von Dr. Muhammad Elhamy.
Orientierungshilfe: Bei der Fülle an Namen, Verwandtschaftslinien und Kommandostrukturen in diesem Kapitel lohnt sich ein Blick auf den Personenspiegel & Hierarchiekarte — eine eigene, kurze Übersichtsseite mit Stammbäumen, Organisationsstruktur und einer Zuordnungstabelle aller wichtigen Personen.
Beim Eintritt in das Studium der Abbasiden-Dynastie begegnet dem Betrachter häufig eine emotionale Befangenheit oder Beklemmung. Diese begründet sich in der Vielschichtigkeit und der politischen Härte, mit der der historische Übergang von der Umayyaden- zur Abbasidenherrschaft vollzogen wurde. Um das Entstehen des Abbasiden-Reiches im Jahr 132 nach der Hijra tiefgreifend zu verstehen, müssen die personellen Wurzeln, die moralischen Grundlagen und das historische Umfeld beleuchtet werden.
Die Abbasiden verdanken ihre Benennung der Zuweisung zu Al-Abbas ibn Abd al-Muttalib (الْعَبَّاسُ بْنُ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ), dem väterlichen Onkel des Propheten ﷺ. Al-Abbas besaß bereits in der Vorislamischen Zeit eine gewaltige gesellschaftliche Würde. Er gehörte zu den vermögendsten Männern der Banu Hashim und zeichnete sich durch außergewöhnliche Freigebigkeit aus, mit der er die Armen und Bedürftigen seines Stammes unterstützte.
Im Islam nahm Al-Abbas einen hochrangigen Platz ein. Unsere Mutter Aisha (عَائِشَةُ) überlieferte im Sahih al-Bukhari, dass der Prophet ﷺ niemanden so sehr ehrte, wie er seinen Onkel Al-Abbas ehrte.
„Die Kalifen Umar ibn al-Khattab und Uthman ibn Affan stiegen aus tiefer Ehrerbietung von ihren Reittieren ab, wann immer Al-Abbas an ihnen vorbeiritt, und setzten ihren Weg erst fort, nachdem er vorübergeritten war.“
Während der großen Dürreperiode unter seinem Khalifat betete Umar ibn al-Khattab um Regen (Istisqa’):
„O Allah, wir pflegten Dich durch Deinen Propheten um Regen zu bitten (als er noch lebte), und Du hast uns erhört. Nun bitten wir Dich durch den Onkel Deines Propheten, Al-Abbas, so schenke uns Regen!“
Über den genauen Zeitpunkt seines Übertrits zum Islam existieren unter den Gelehrten verschiedene Überlieferungen: Einige datieren seinen Übertritt auf die Zeit vor der Schlacht von Badr, andere auf die Zeit der Schlacht selbst, und wieder andere auf die Zeit kurz vor der Eroberung Makkahs.
Die Ursache dieser historischen Meinungsverschiedenheiten liegt in der geheimen Rolle, die Al-Abbas in Makkah ausübte. Er fungierte als strategischer Informationsposten für den islamischen Staat in Medina und übermittelte dem Propheten ﷺ vertrauliche Nachrichten über die Pläne der Quraish.
Historiker diskutieren, ob er dies als getarnter Muslim oder aus Stammesverwandtschaft tat; unbestritten ist jedoch, dass er seine Auswanderung (Hijra) vor der Eroberung Makkahs vollzog.
Bei seiner Auswanderung stieß Al-Abbas überraschend auf das anmarschierende prophetische Heer. Als sein enger Freund Abu Sufyan (أَبُو سُفْيَانَ) die unzähligen Lagerfeuer erblickte und erschrak, rief Al-Abbas ihm zu:
„Rette dich selbst! Das ist der Gesandte Allahs ﷺ!“
Er nahm Abu Sufyan auf sein Maultier, um ihn sicher zum Propheten ﷺ zu bringen.
Auf dem Weg trafen sie auf Umar ibn al-Khattab und als dieser Abu Sufyan erblickte,lief er auf sie zu und rief:
„Abu Sufyan - O Feind Allahs - Alles Lob gebührt Allah, der dich in unsere Hände laufen lies, ohne einen Friedensvertrag!“
Al-Abbas trieb sein Reittier schneller an, um den Propheten ﷺ zuerst zu erreichen. Als Al-Abbas Umar zur Mäßigung mahnte und fragte, ob er ebenso gehandelt hätte, wenn Abu Sufyan aus Umars Stamm Banu Adi gestammt hätte, antwortete Umar voller Aufrichtigkeit:
„Beruhige dich, o Abbas! Bei Allah, dein Übertritt zum Islam an dem Tag, an dem du Muslim wurdest, war mir lieber als der Übertritt meines eigenen Vaters al-Khattab, wenn er Muslim geworden wäre! Denn ich wusste, dass dein Islam dem Gesandten Allahs ﷺ lieber war als der Islam al-Khattabs!“
Al-Abbas behielt seine erhabene Stellung unter den Rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakr und Umar bei und verstarb während der Regierungszeit Uthmans im Alter von 88 Jahren.
Aus den Nachkommen von Al-Abbas ragte sein Sohn Abdullah ibn Abbas (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ عَبَّاسٍ) heraus, der als Gelehrter der Ummah (Habr al-Ummah) und Ausleger des Quran (Turjuman al-Quran) in die Geschichte einging.
Für ihn sprach der Prophet ﷺ das Bittgebet:
«اللَّهُمَّ فَقِّهْهُ فِي الدِّينِ وَعَلِّمْهُ التَّأْوِيلَ»
„O Allah, schenke ihm tiefes Verständnis in der Religion und lehre ihn die Auslegung!“
Trotz seiner Jugend zog Umar ibn al-Khattab ihn in den erlesenen Rat der großen Gefährten (Shura) heran und bezeichnete ihn als Jüngling von der Reife der Ältesten:
„ausgestattet mit einer erfragenden Zunge und einem verstehenden Herzen (فَتَى الْكُهُولِ، لَهُ لِسَانٌ سَؤُولٌ وَقَلْبٌ عَقُولٌ).“
Selbst Abdullah ibn Umar verwies Fragende an Ibn Abbas mit den Worten:
„Dass es heute niemand auf Erden gibt der wissender bezüglich der Offenbarung Muhammads ﷺ sei als er.“
Die Kette der Gelehrsamkeit setzte sich in dessen Sohn Ali ibn Abdullah ibn Abbas (عَلِيُّ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبَّاسٍ) fort. Er wurde genau in jener Nacht geboren, in der Ali ibn Abi Talib (عَلِيُّ بْنُ أَبِي طَالِبٍ) im Jahr 40 nach der Hijra ermordet wurde und das Martyrium erlangte, weshalb er nach ihm genannt wurde und die Kunya Abu al-Hasan erhielt.
Er wurde wegen seiner unzähligen Gebete Al-Sajjad („der sich viel Niederwerfende“) genannt. Wenn er nach Makkah oder Medina kam, folgten ihm die Menschenmassen, und selbst der umayyadische Kalif Abdul Malik ibn Marwan (عَبْدُ الْمَلِكِ بْنُ مَرْوَانَ) setzte ihn auf seinen Thron. Ali ibn Abdullah zeugte 30 Kinder, darunter über 20 Söhne von hoher Würde.
Als der spätere umayyadische Kalif Al-Walid I. ibn Abdul Malik die wachsende Ehrerbietung der Bevölkerung in Damaskus gegenüber Ali ibn Abdullah und seinen Söhnen sah, fürchtete er den Verlust der Loyalität an das Haus der Ahl al-Bayt.
Er verbannte Ali ibn Abdullah aus Syrien in das entlegene Grenzdorf Al-Humaymah (الْحُمَيْمَةُ). In diesem unscheinbaren Dorf erblickte dessen Sohn Muhammad ibn Ali ibn Abdullah ibn Abbas (مُحَمَّدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبَّاسٍ) das Licht der Welt. Auch er erlangte tiefes Wissen und die Bezeichnung Al-Sajjad.
„Er sollte zum eigentlichen Urheber und Architekten der geheimen abbasidischen Revolution werden.“
Um die Gründe für den Aufstand gegen die Umayyaden zu begreifen, muss man die Perspektive jener Bevölkerungsschichten einnehmen, die unter der Spätphase der Umayyadenherrschaft litten – insbesondere im Irak und in Kufa. Aus deren Sicht war die Übernahme der Khilafah durch ungeeignete Herrscher die Wurzel von Ungerechtigkeit und Blutvergießen. Sie verwiesen auf die Tragödie von Karbala und das Martyrium des Prophetenenkels Al-Hussain, die Belagerung Makkahs, die Plünderung Medinas am Tag von Al-Harra unter der Herrschaft von Yazid ibn Mu’awiya durch Muslim ibn Uqbah sowie die Grausamkeiten des Statthalters Al-Hajjaj ibn Yusuf.
Aus diesen Erfahrungen erwuchs die Überzeugung, dass das Kalifat dem würdigsten Haus zustehe: dem Hause des Propheten ﷺ (Ahl al-Bayt). Der Prophet ﷺ sagte:
„Wahrlich, Allah erwählte Kinanah aus den Söhnen Isma’ils, und Er erwählte Banu Hashim aus Kinanah, und Er erwählte mich aus Banu Hashim!“
Rechtlich umfasst der Begriff Ahl al-Bayt die Nachkommen von Hashim und Al-Muttalib – darunter die Linien von Ali, Al-Abbas und Aqil. In Al-Tabaqat hielt Ibn Sa’d fest, dass die Khilafah zu den Söhnen von Al-Abbas gelangte, als es auf Erden niemanden gab, der gelehrter, edler oder gottesfürchtiger war als sie.
Während der Wallfahrtszeit in Makkah befand sich der umayyadische Prinz und spätere Kalif Hisham ibn Abdul Malik (هِشَامُ بْنُ عَبْدِ الْمَلِكِ) in der Heiligen Moschee. Aufgrund des gewaltigen Menschenandrangs gelang es dem Prinzen trotz seiner Gefolgschaft und Wachen nicht, an den Schwarzen Stein heranzukommen, um ihn zu küssen.
In diesem Moment erschien Ali Zain al-Abidin. Als die versammelten Menschen ihn erblickten, geschah etwas Bemerkenswertes: Voller Ehrfurcht, Liebe und Respekt teilte sich die unüberschaubare Menschenmenge augenblicklich und machte ihm ehrerbietig Platz, sodass er mühelos zum Schwarzen Stein schreiten konnte.
Hisham ibn Abdul Malik war in seinem herrschaftlichen Stolz tief gekränkt, als er sah, wie das Volk dem Angehörigen der Prophetenfamilie freiwillig jene Ehrerbietung erwies, die ihm als Thronfolger verwehrt blieb. Um das Ansehen von Ali Zain al-Abidin herabzusetzen, fragte Hisham mit gespielter Gleichgültigkeit sein Gefolge: „Wer ist das?“. Einer seiner Begleiter wagte es aus Befangenheit nicht, ihm offen zu sagen, dass es der Enkel des Propheten ﷺ war.
Unter den Hofleuten befand sich der berühmte Dichter Al-Farazdaq (الْفَرَزْدَقُ). Obwohl Al-Farazdaq zu den Dichtergrößen der Umayyaden zählte und von ihren Zuwendungen lebte, überkam ihn in diesem Augenblick ein unwillkürlicher Gerechtigkeits- und Schutzinstinkt. Er hielt es für eine unerträgliche Heuchelei, dass man so tat, als kenne man diese erhabene Persönlichkeit nicht.
Al-Farazdaq trat vor den Prinzen und sagte unerschrocken: „Ich aber weiß genau, wer er ist!“. Daraufhin trug er auf der Stelle seine berühmte Ode vor:
«هَذَا الَّذِي تَعْرِفُ الْبَطْحَاءُ وَطْأَتَهُ … وَالْبَيْتُ يَعْرِفُهُ وَالْحِلُّ وَالْحَرَمُ»
«هَذَا ابْنُ خَيْرِ عِبَادِ اللَّهِ كُلِّهِمُ … هَذَا التَّقِيُّ النَّقِيُّ الطَّاهِرُ الْعَلَمُ»
«يَكَادُ يُمْسِكُهُ عِرْفَانَ رَاحَتِهِ … رُكْنُ الْحَطِيمِ إِذَا مَا قَامَ يَسْتَلِمُ»
«مَا قَالَ لَا قَطُّ إِلَّا فِي تَشَهُُّدِهِ … لَوْلَا التَّشَهُُّدُ كَانَتْ لَاؤُهُ نَعَمُ»
«وَلَيْسَ قَوْلُكَ مَنْ هَذَا بِضَائِرِهِ … الْعَرَبُ تَعْرِفُ مَنْ أَنْكَرْتَ وَالْعَجَمُ»„Dies ist jener, dessen Schritt der Boden von Makkah [Al-Batha’] kennt, den das Heilige Haus kennt, der unheilige- und der Heilige-Bezirk! (Al-Haram)
Dies ist der Sohn des Besten aller Diener Allahs überhaupt, dies ist der Gottesfürchtige, der Reine, der tadellose, das leuchtende Banner!
Wenn er vortritt, um den Stein zu berühren, ist es fast so, als würde die Ecke der Kaaba [Al-Hatim] ihn bereits am Duft seiner Handfläche wiedererkennen!
Niemals hat er ‚Nein‘ gesagt, außer bei seinem Glaubensbekenntnis [Tashahhud] – gäbe es das Tashahhud nicht, wäre sein ‚Nein‘ stets ein ‚Ja‘ [so grenzenlos ist seine Freigiebigkeit]!
Dass du fragst: ‚Wer ist das?‘, schadet ihm nicht im Geringsten – denn die Araber wie auch die Nichtaraber kennen jenen wohl, den du abzustreiten versuchst!“
Hisham geriet über diese kühne Zurechtweisung in Zorn und ließ Al-Farazdaq umgehend einkerkern. Als Ali Zain al-Abidin von der Einkerkerung des Dichters erfuhr, schickte er ihm als Entschädigung eine beachtliche Geldsumme ins Gefängnis. Al-Farazdaq wies das Geld jedoch zurück mit den Worten: „Ich habe diese Verse nicht aus Geldgier gesagt, sondern allein aus Liebe zu Allah und Seinem Gesandten!“. Ali Zain al-Abidin schickte ihm die Belohnung jedoch erneut zurück und ließ ihm sagen: „Wir sind ein Haushalt, der einmal Gegebenes nicht mehr zurücknimmt!“, woraufhin Al-Farazdaq die Gabe annahm.
Diese tiefe Verehrung für Ahl al-Bayt bildete das emotionale und geistige Fundament, auf dem die spätere Revolution aufbauen konnte.
Die Anhängerschaft von Ahl al-Bayt spaltete sich im historischen Verlauf in unterschiedliche Strömungen hinsichtlich der rechtmäßigen Führung: Eine Gruppe sah die Führung nach Al-Hussain bei seinem Bruder Muhammad ibn al-Hanafiya (مُحَمَّدُ بْنُ الْحَنَفِيَّةِ) – dem Sohn Alis von einer Frau aus dem Stamm Banu Hanifah –, während eine andere Gruppe die Nachfolge ausschließlich in der Fatimiden-Linie über Ali Zain al-Abidin, Muhammad al-Baqir und Ja’far al-Sadiq verankerte.
Die Anhänger von Muhammad ibn al-Hanafiya wurden von dessen Sohn Abu Hashim Abdullah ibn Muhammad ibn al-Hanafiya (أَبُو هَاشِمٍ عَبْدُ اللَّهِ بْنُ مُحَمَّدِ بْنِ الْحَنَفِيَّةِ) geführt, der von Kufa aus ein geheimes Organisationsnetzwerk leitete. Als Abu Hashim erfuhr, dass seine Lebenszeit zu Ende ging, reiste er nach Al-Humaymah zu seinem Verwandten Muhammad ibn Ali al-Abbasi. Auf dem Sterbebett übergab Abu Hashim ihm die Kontakte, die Geheimschlüssel und das gesamte Fundament seiner Untergrundorganisation.
Historische Untersuchungen belegen, dass Muhammad ibn Ali al-Abbasi nicht bloß ein fremdes Netz übernahm, sondern bereits über ein eigenes, hochgradig durchdachtes Organisationsfundament verfügte. Seine administrative und strategische Leistungsfähigkeit wies ihn als einen organisatorischen Genius allerersten Ranges aus.
Nach der Übernahme der Keimzelle des Netzwerks analysierte Muhammad ibn Ali die geopolitische Landkarte des islamischen Reiches und traf vier fundamentale Weichenstellungen, die über den künftigen Erfolg der Revolution entschieden:
Obwohl Kufa das emotionale Zentrum der Anhänger von Ahl al-Bayt war, lehnte er es als militärisches Hauptquartier ab.
Gefahr der gespaltenen Loyalität: Die Bewohner Kufas waren leidenschaftliche Alawiten. Sobald sie entdeckten, dass der angestrebte Kalif ein Abbaside und kein direkter Nachkomme Alis war, würde das Bündnis zerbrechen.
Mit Alawiten (Al-‘Alawiyyūn) wurden im 1. und 2. Jahrhundert nach der Hijra schlichtweg die Anhänger, Befürworter und direkten Nachkommen von Ali ibn Abi Talib (عَلِيُّ بْنُ أَبِي طَالِبٍ) bezeichnet, nicht die heutige Glaubenssekte.
Geheimdienstliche Überwachung: Kufa stand wegen seiner zahlreichen Aufstände unter schärfster Beobachtung des umayyadischen Sicherheitsapparates.
Unreife Emotionalität: Die Leute aus Kufa neigten zu spontanen, unüberlegten Frühaufständen.
Wie richtig diese Einschätzung war, bewies der spätere Aufstand von Zayd ibn Ali ibn Al-Hussain (زَيْدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ الْحُسَيْنِ) im Jahr 122 nach der Hijra. Zayd reiste wegen eines Rechtsstreits aus Medina (الْمَدِينَةُ) nach Kufa. Dort schlossen sich ihm spontan 40.000 Kufener an und drängten ihn zum sofortigen Aufstand gegen die Umayyaden. Als die kufischen Anhänger Zayd nach seiner Haltung zu den Rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakr und Umar befragten, lobte er sie als ehrwürdige Gefährten des Propheten ﷺ. Daraufhin sagten die Radikalen unter ihnen: „Dann lehnen wir dich ab!“ (woraus die Bezeichnung Rafidah entstand), während nur eine Minderheit bei ihm blieb (die Zaydiyyah). Muhammad ibn Ali hielt sein abbasidisches Netz strikt von Zayds unreifem Aufstand fern und wies seine Anhänger an, sich nicht zu beteiligen.
In Basra (الْبَصْرَةُ) herrschte eine uthmanisch-neutrale Haltung vor. Die Bevölkerung war friedliebend und neigte eher zur Ruhe als zu revolutionären Umstürzen.
In den heiligen Städten Makkah (مَكَّةُ) und Medina (الْمَدِينَةُ) dominierte eine traditionelle, ausgewogene Gelehrsamkeit. Die dortigen Gelehrten wahrten eine strikte Mäßigung und standen bewaffneten Aufständen gegen die bestehende Ordnung äußerst skeptisch gegenüber.
Muhammad ibn Ali wählte die weit entfernte Provinz Khorasan (خُرَاسَانُ) als militärische Keimzelle der Revolution. Das Wort Khorasan stammt aus dem Persischen (Khor-shams-asan) und bedeutet „Aufgang der Sonne“. Das Gebiet umfasste den heutigen Nordost-Iran, Nordafghanistan und Südost-Turkmenistan. Für Khorasan sprachen vier entscheidende Faktoren:
Muhammad ibn Ali baute eine beispiellose, dreistufige Geheimstruktur auf:
Zudem formulierte er die wohl wirkungsvollste Parole der Revolutionsgeschichte:
«الرِّضَا مِنْ آلِ مُحَمَّدٍ»
Al-Rida „Der Wohlgefallene aus der Familie Muhammads!“
Diese Parole war ein Meisterwerk der Kommunikationspsychologie: Sie war breit gefasst, geheimnisvoll und hochgradig attraktiv. Jeder Anhänger im Irak, in Persien oder Khorasan assoziierte damit sofort einen Nachkommen Alis und Fatimas. Niemand ahnte, dass ein Abbaside die Führung innehatte, da die Abbasiden zuvor nie militärische Aufstände angeführt hatten.
Der Kommunikationsknotenpunkt in Kufa wurde u.a. von dem kaufmännischen Agenten Bukayr ibn Mahan (بُكَيْرُ بْنُ مَاهَانَ) geleitet, der unter dem Deckmantel von Handelsreisen die Verbindungen aufrechterhielt.
Die Geheimorganisation arbeitete volle 30 Jahre im Untergrund (von ca. 97/98 n.H. bis 132 n.H.). Als der gerechte Kalif Umar ibn Abdul Aziz die Herrschaft antrat und Gerechtigkeit einkehrten ließ, wies Muhammad ibn Ali seine Anhänger an: „Ruht! Gegen einen gerechten Herrscher führt man keinen Aufstand!“ Erst nach dem Tod Umars wurde die Geheimarbeit wieder aufgenommen.
Ein geheimes Netzwerk über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten aufrechtzuerhalten, bringt enorme Sicherheits- und Führungsprobleme mit sich. Die abbasidische Bewegung erlitt schwere Rückschläge durch Enttarnungen seitens umayyadischer Statthalter in Khorasan wie Asad ibn Abdullah al-Qasri (أَسَدُ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ الْقَسْرِيُّ) und Nasr ibn Sayyar (نَصْرُ بْنُ سَيَّارٍ), die abbasidische Funktionäre festnehmen und hinrichten ließen.
Ein besonders gefährlicher Vorfall ereignete sich im operativen Zentrum in Khorasan:
Ein ehemaliger Christ, der zum Islam konvertierte und den Namen Ammar ibn Yazid (عَمَّارُ بْنُ يَزِيدَ) trug – bekannt unter seinem Beinamen Khadash (خَدَاشٌ) –, schaffte es, das Netzwerk in Khorasan zu unterwandern. Khadash besaß beträchtliches organisatorisches Geschick und stieg Schritt für Schritt auf, bis er schließlich die Position des militärischen und ideologischen Oberhaupts des gesamten abbasidischen Netzwerks in Khorasan erreichte.
Sobald er diese Schlüsselposition an der Spitze innehatte, begann er, extrem gefährliche und abweichende Batiniden-Ideen unter den Führern und Funktionären in Khorasan zu verbreiten. Dies berührte ein fundamentales strukturelles Problem in der schiitischen Gedankengeschichte: Das Konzept des unfehlbaren Imams, der angeblich über ein geheimes, verborgenes Wissen verfügt, das gewöhnlichen Gläubigen verschlossen bleibt. Khadash nutzte diesen Glauben schamlos aus. Er fing an, eindeutig verbotene Dinge für erlaubt zu erklären und die Pflichten der Scharia aufzuheben. Als scheinbare Begründung zog er den Quran-Vers aus Sure Al-Ma’idah heran:
«لَيْسَ عَلَى الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ جُنَاحٌ فِيمَا طَعِمُوا»
„Es ist für diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, keine Sünde in dem, was sie verzehren…“ (Sure Al-Ma’idah: 93)
Wenn verwirrte Funktionäre Khadash fragten, wie er zur Aufhebung der Scharia-Verbote komme, antwortete er ihnen, dass er dieses Wissen direkt vom unfehlbaren Imam empfangen habe und der Imam das innere, verborgene Verständnis des Quran besitze, das den normalen Menschen verschlossen sei. Auf diese Weise drohte die abbasidische Bewegung in Khorasan ideologisch völlig zu verfallen und in eine ketzerische Batiniden-Sekte abzugleiten.
Als der oberste Imam Muhammad ibn Ali al-Abbasi (مُحَمَّدُ بْنُ عَلِيِّ بْنِ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عَبَّاسٍ) im fernen syrischen Dorf Al-Humaymah (الْحُمَيْمَةُ) von dieser ideologischen Seuche in Khorasan erfuhr, handelte er umgehend und mit administrativer Härte:
Wenig später griff der umayyadische Statthalter von Khorasan, Asad ibn Abdullah al-Qasri (أَسَدُ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ الْقَسْرِيُّ), durch. Der Sicherheitsapparat der Umayyaden spürte Khadash auf und nahm ihn fest. Unter dem Verhör und der drohenden Hinrichtung brach Khadash ein und enthüllte dem umayyadischen Statthalter das bestgehüteste Geheimnis der gesamten Bewegung: Er verriet, dass der eigentliche Drahtzieher und oberste Imam der geheimen Revolution Muhammad ibn Ali al-Abbasi war, der im syrischen Dorf Al-Humaymah residierte.
Nachdem sein Name beim umayyadischen Geheimdienst aktenkundig geworden war, drohte der sofortige Schlag der Umayyaden gegen die Führungsgruppe in Al-Humaymah. Doch Muhammad ibn Ali bewies erneut sein überragendes politisches Geschick: Er verfasste umgehend offizielle Rundschreiben und Briefe, die er weit verbreitete. Darin wies er nicht nur jegliche Verbindung zu den abweichenden Ketzereien Khadashs entschieden zurück, sondern ermahnte seine Anhänger ausdrücklich zur Gesetzestreue und zum Gehorsam gegenüber den amtierenden umayyadischen Herrschern. durch diese kluge rhetorische und taktische Deeskalation entzog er den Umayyaden den Vorwand für ein sofortiges militärisches Eingreifen gegen seine Person. Er beruhigte die Wogen so wirkungsvoll, dass das Untergrundnetzwerk trotz des aufgedeckten Namens im Verborgenen weiterarbeiten konnte – bis Muhammad ibn Ali im Jahr 125 nach der Hijra eines natürlichen Todes starb.
Das Jahr 125 nach der Hijra bildete eine schicksalhafte Zäsur: Im selben Jahr starb nicht nur der Organisator der abbasidischen Revolution, Muhammad ibn Ali al-Abbasi, sondern auch der mächtige umayyadische Kalif Hisham ibn Abd al-Malik.
Nach dem Tod Hishams geriet das Umayyaden-Reich in eine Phase des beschleunigten inneren Zerfalls. Unter den nachfolgenden Kalifen – Al-Walid II., Yazid III. und schließlich Marwan II. – brachen im Hause der Umayyaden blutige Machtkämpfe und Bürgerkriege aus. Gleichzeitig flammten im gesamten Reich unzählige Aufstände auf: in Homs, in Palästina, in Syrien, in der Al-Jazirah al-Furatiyyah /(الْجَزِيرَةُ الْفُرَاتِيَّةُ), bei den Khawarij sowie im Maghreb.
In dieser Phase übernahm der Sohn Muhammad ibn Alis, Ibrahim al-Imam (إِبْرَاهِيمُ الإِمَامُ), die Führung des abbasidischen Netzwerks. Er war wie sein Vater ein Mann von hoher Gelehrsamkeit, Gottesfurcht und strategischer Weitsicht. Während die militärische Führung der Umayyaden an allen Fronten gebunden war, wies Ibrahim al-Imam die Kader in Khorasan an, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Vorbereitungen für den finalen Schlag zu vervollständigen.
Der umayyadische Statthalter in Khorasan, Nasr ibn Sayyar (نَصْرُ بْنُ سَيَّارٍ), ein erfahrener Feldherr, Dichter und Veteran der früheren Eroberungsfeldzüge, erkannte die aufkeimende Katastrophe mit geschärftem Blick. Er sah, wie das abbasidische Untergrundnetz unter der arabischen Kriegerschaft und der persischen Bevölkerung immer mächtiger wurde. Nasr ibn Sayyar verfasste verzweifelte Hilferufe an den umayyadischen Statthalter des Irak, Yazid ibn Umar ibn Hubayrah, sowie direkt an den Kalifen Marwan II. in Damaskus. In unsterblichen arabischen Gedichtsversen warnte er das Herrscherhaus vor dem drohenden Untergang:
«أَبْلِغْ يَزِيدَ وَخَيْرُ الْقَوْلِ أَصْدَقُهُ … وَقَدْ تَبَيَّنْتُ أَنْ لَا خَيْرَ فِي الْكَذِبِ» «أَنَّ خُرَاسَانَ أَرْضٌ قَدْ رَأَيْتُ بِهَا … فَرْخًا لَوَازِغَ بَعْدَ الْحَادِثِ الْعَجَبِ» «فَإِنْ يَطِرْنَ وَلَمْ يُحْتَلْ لَهُنَّ بِهَا … يُوقِدْنَ نِيرَانَ حَرْبٍ أَيَّمَا لَهَبِ»
„Überbringt Yazid meine Nachricht – und das beste Wort ist das wahrhaftige, und es hat sich gezeigt, dass Lügen keinen Segen bringt! Wahrlich, Khorasan ist ein Land, in dem ich Küken erblickt habe, die nach erstaunlichen Ereignissen herangewachsen sind! Wenn sie flügge werden und man ihnen nicht mit List begegnet, werden sie die Flammen eines Krieges entfachen, dessen Glut gewaltig brennt!“
Und in seinen berühmten Zeilen an den Kalifen Marwan II. rief er aus:
«أَرَى بَيْنَ الرَّمَادِ وَمِيضَ جَمْرٍ … وَيُوشِكُ أَنْ يَكُونَ لَهُ ضِرَامُ» «فَإِنَّ النَّارَ بِالْعُودَيْنِ تُزْكَى … وَإِنَّ الْحَرْبَ مَبْدَأُهَا الْكَلاَمُ» «فَقُلْتُ مِنَ التَّعَجُّبِ لَيْتَ شِعْرِي … أَيَقَاظٌ أُمَيَّةُ أَمْ نِيَامُ؟» «فَإِنْ يَكُ قَوْمُنَا سَهَوْا وَنَامُوا … فَقُلْ قُومُوا فَقَدْ حَانَ الْقِيَامُ» «فَسُرِّي عَنْ رِحَالِكِ ثُمَّ قُولِي … عَلَى الإِسْلاَمِ وَالْعَرَبِ السَّلاَمُ»
„Ich sehe unter der Asche das Glühen von Kohlen, und es steht kurz bevor, dass daraus ein verheerendes Feuer brennt! Denn das Feuer wird durch zwei Hölzer entfacht, und der Anfang des Krieges ist das gesprochene Wort! Da fragte ich mich voller Staunen: O wenn ich nur wüsste, sind die Umayyaden wach oder schlafen sie? Wenn unser Volk erblindet ist und schläft, so sprich zu ihnen: Steht auf, denn die Zeit des Aufstands ist gekommen! Wende dich ab von deinen Behausungen und sprich sodann: Friede sei über dem Islam und den Arabern!“
Doch die Führung in Damaskus war durch die eigenen Bürgerkriege so gelähmt, dass sie Nasr ibn Sayyar weder Truppen noch Verstärkung schicken konnte.
In dieser kritischen Phase traf Ibrahim al-Imam eine der folgenschwersten Entscheidungen der Geschichte: Er ernannte den etwa zwanzigjährigen Freigelassenen Abu Muslim al-Khurasani (أَبُو مُسْلِمٍ الْخُرَاسَانِيُّ) zum obersten militärischen und politischen Befehlshaber in Khorasan.
Abu Muslim war eine der erstaunlichsten Figuren der politischen Geschichte: Er war von kleiner, schmaler Statur, hatte eine dunkle Hautfarbe und entstammte der Klasse der persischen Freigelassenen. Doch hinter diesem unscheinbaren Äußeren verbarg sich ein phänomenales Genie, geprägt von herausragender Intelligenz, enormer Durchsetzungskraft, diplomatischem Geschick und kühlem politischem Kalkül.
Zuvor hatten die altgedienten Begründer des Khorasan-Netzwerks – wie Sulayman ibn Kathir (سُلَيْمَانُ بْنُ كَثِيرٍ) – die militärische Führung abgelehnt, sei es aus persönlicher Bescheidenheit oder aus Überforderung vor der Last der Aufgabe. Ibrahim al-Imam hatte die außergewöhnlichen Begabungen Abu Muslims erkannt, als dieser zuvor als vertraulicher Kurier die Geheimbriefe zwischen Kufa, Khorasan und Al-Humaymah transportiert hatte.
Abu Muslim reiste nach Khorasan und übernahm mit eiserner Hand die Führung. Um die Massen zu mobilisieren, nutzte er das von Muhammad ibn Ali entworfene Revolutionsmotto:
«الرِّضَا مِنْ آلِ مُحَمَّدٍ»
Al-Rida „Der Wohlgefallene aus der Familie Muhammads!“
Im Jahr 129 nach der Hijra hisste Abu Muslim al-Khurasani im Dorf Sikadanj (سَفِيذَنْج) bei Merv die Schwarzen Banner der Revolution. Er rief das erste Befreiungsmanifest aus und verkündete das Ende der umayyadischen Herrschaft in Khorasan. In virtuosen politischen und militärischen Schachzügen nutzte Abu Muslim die Stammesrivalitäten zwischen den arabischen Stämmen der Mudar und Yaman in Khorasan aus, neutralisierte den Statthalter Nasr ibn Sayyar und eroberte die gesamte Provinz.
Als der umayyadische Kalif Marwan II. begriff, dass die Erhebung in Khorasan kein gewöhnlicher lokalen Aufstand war, sondern ein hochorganisierter Umsturzversuch, verhängte er den Ausnahmezustand über die östlichen Provinzen.
Ein umayyadischer Spähtrupp fing schließlich einen geheimen Kurier ab, der eine vertrauliche Botschaft von Ibrahim al-Imam aus Al-Humaymah an seine Generäle trug. Dadurch wurde der Name und der Aufenthaltsort des obersten Imams enthüllt. Marwan II. ließ Al-Humaymah umzingeln, nahm Ibrahim al-Imam fest und ließ ihn im Gefängnis von Harran hinrichten.
Doch die Hinrichtung Ibrahims konnte den Untergang des Umayyaden-Reiches nicht mehr aufhalten – die Maschinerie der Revolution lief bereits unaufhaltsam. Vor seiner Festnahme hatte Ibrahim al-Imam das Testament hinterlassen, dass die Führung im Falle seines Todes an seinen 27-jährigen jüngeren Bruder Abu al-Abbas Abdullah ibn Muhammad (أَبُو الْعَبَّاسِ عَبْدُ اللَّهِ بْنُ مُحَمَّدٍ) übergehen solle.
Unter dem abbasidischen General Qahtabah ibn Shabib al-Ta’i (قَحْطَبَةُ بْنُ شَبِيبٍ الطَّائِيُّ) rückte das schlagkräftige Heer aus Khorasan unaufhaltsam nach Westen vor. Sie eroberten Fars und den Irak. In der epischen Schlacht am Fluss Zab im Jahr 132 nach der Hijra trafen die Hauptstreitkräfte der Abbasiden auf das umayyadische Hauptheer unter der persönlichen Führung von Kalif Marwan II.
Es kam zu einem merklichen historischen Ausgang: Obwohl der abbasidische Oberbefehlshaber Qahtabah ibn Shabib in den Wirren der Schlacht ertrank und den Sieg nicht mehr erlebte, errang das disziplinierte abbasidische Heer den vollständigen Sieg über das von Stammeszwistigkeiten zerrissene Umayyaden-Heer. Marwan II. floh über Syrien nach Ägypten, wurde jedoch von den nachsetzenden abbasidischen Truppen in der Ortschaft Busir in der Provinz Bani Suef aufgespürt und getötet. Damit endete die Herrschaft der Umayyaden im Orient im Jahr 132 nach der Hijra.
Das siegreiche abbasidische Heer zog in Kufa ein, das zur vorübergehenden Hauptstadt des neuen Reiches gewählt wurde. Kufa war die natürliche Wahl, da es historisch das emotionale Herzstück aller Anhänger der Prophetenfamilie darstellte.
In Kufa trat der dortige Leiter der Geheimorganisation auf: Abu Salama al-Khallal (أَبُو سَلَمَةَ الْخَلاَّلُ), der den Titel „Minister der Familie Muhammads“ trug. Als Abu Salama erfuhr, dass Ibrahim al-Imam getötet worden war und dessen junger Bruder Abu al-Abbas in Kufa eingetroffen war, versuchte er in letzter Minute ein machtpolitisches Eigenmächtigkeitsmanöver:
Da das Volk bisher nur die geheimnisvolle Parole Al-Rida „Der Wohlgefallene aus der Familie Muhammads“ kannte, beschloss Abu Salama, die Abbasiden zu übergehen. Er schickte geheime Boten an drei herausragende Persönlichkeiten aus der direkten Linie Alis – darunter an Ja’far al-Sadiq (جَعْفَرٌ الصَّادِقُ) –, um ihnen die Führung des Staates auf einem Silbertablett anzubieten.
Doch die alawitischen Gelehrten lehnten das Angebot konsequent ab. Nach neun Jahrzehnten voller politischer Verfolgungen und gescheiterter Aufstände verweigerten sie die Verstrickung in diesen blutigen Machtkampf. Ja’far al-Sadiq verbrannte den Brief Abu Salamas ungelesen über einer Kerze.
Gleichzeitig schöpften die Generäle des Khurasaner Heeres Verdacht gegen Abu Salama, der Abu al-Abbas und dessen Familie in einem Haus in Kufa isoliert hielt. Sie spürten das Versteck auf, befreiten Abu al-Abbas al-Saffah und führten ihn am 12. Rabi’ al-Awwal des Jahres 132 nach der Hijra in die Hauptmoschee von Kufa. Dort bestieg Abu al-Abbas die Kanzel, nahm die allgemeine Huldigung entgegen und wurde zum ersten Kalifen der Abbasiden-Dynastie ausgerufen.
In seiner Antrittsrede in der Moschee von Kufa sprach der neue Kalif Abu al-Abbas jenen Satz aus, der ihm seinen historischen Beinamen einbrachte:
„Freut euch, denn ich bin Al-Saffah!“
In der klassischen arabischen Sprache bedeutet das Wort Al-Saffah (الصَّفَّاحُ) ursprünglich: der übermäßig Freigiebige und Großzügige (abgeleitet von Safah al-Mal – „das Geld großzügig ausgießen“). Abu al-Abbas verwendete diesen Begriff in seiner Antrittsrede als Versprechen von Wohlstand, Freigiebigkeit und dem Ende umayyadischer Tyrannei.
Warum wandelte sich die Bedeutung des Namens in der geschichtlichen Wahrnehmung zum Synonym für einen blutrünstigen Schlächter? Der Grund liegt in der eiskalten Härte, mit der zwei führende Gestalten die Festigung des neuen Reiches durchsetzten:
Diese Politik des Verrats und des exzessiven Blutvergießens stieß selbst bei Kalif Abu al-Abbas auf scharfe Ablehnung. Als er von den Willkürakten seines Onkels erfuhr, erließ er ein striktes Dekret und schickte eine dringende Weisung an Abdullah ibn Ali: Er verbot ihm ausdrücklich, fortan irgendjemanden ohne seine vorherige persönliche Genehmigung hinzurichten.
Abu al-Abbas erkannte die fatalen politischen Folgen dieser Exzesse: Durch das Brechen von Sicherheitsgarantien wurden selbst jene Städte, Stämme und Kreise, die sich bereits mit der neuen Herrschaft abgefunden hatten, erneut in den bewaffneten Widerstand getrieben. Wenn Bürger erkennen, dass eine Kapitulation oder eine Sicherheitsgarantie keinen Schutz vor dem Tod bietet, kämpfen sie bis zum Äußersten – nach dem Muster des bekannten Gleichnisses, in dem selbst ein Esel flieht, wenn die Obrigkeit unberechtigt Jagd auf Affen macht. Die Maßlosigkeit Abdullah ibn Alis entfachte in Syrien unnötige Aufstände und erschwerte die Pazifizierung des Reiches erheblich.
Der historiografische Titelzwang der Abbasiden-Kalifen:
Während die Umayyaden-Kalifen unter ihren bürgerlichen Eigennamen regierten (wie Al-Walid, Hisham, Abdul Malik), etablierte sich unter den Abbasiden die Tradition ehrenvoller Herrschertitel (wie Al-Mansur, Al-Mahdi, Al-Rashid, Al-Ma’mun, Al-Mu’tasim). Als spätere Historiker feststellten, dass alle abbasidischen Kalifen offizielle Regierungs-Beinamen trugen, der erste Kalif Abu al-Abbas jedoch keinen gesonderten Thronnamen besaß, griffen sie auf jenes Wort zurück, das er in seiner Kufa-Rede über sich selbst gesagt hatte: Al-Saffah. Durch die blutigen Säuberungsaktionen seiner Vollstrecker wurde dieser Name jedoch im Volksmund fortan als „Blutvergießer“ missverstanden.
Blickt man aus der Distanz der Jahrhunderte auf das Entstehen der Abbasiden-Dynastie, lassen sich fundamentale Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels ablesen.
Sowohl der islamische Geschichtsphilosoph Ibn Khaldun als auch moderne Soziologen – wie der US-amerikanische Historiker Crane Brinton in seinen Untersuchungen zur Soziologie von Revolutionen – haben ein eisernes Gesetz formuliert: Kein etablierter Machtapparat stürzt, solange die herrschende Elite im Inneren geschlossen und stark ist.
Erst wenn unheilbare Risse, Nachfolgekämpfe und moralischer Verfall im Inneren des Herrscherhauses auftreten, entsteht das historische Fenster der Möglichkeit. Die Abbasiden bewiesen überragende strategische Klugheit, indem sie dreißig Jahre lang geduldig im Untergrund eine professionelle Organisationsstruktur aufbauten, ihre Kräfte schonten und exakt auf jenen Moment warteten, in dem die Umayyadenherrschaft im Inneren zerbrach.
Als Muslime unterwerfen wir dieses geschichtliche Geschehen jedoch stets dem unumstößlichen Maßstab der Scharia:
So verständlich der politische Machtkampf aus rein weltlicher Sicht sein mag – das maßlose Vergießen von Blut, das Brechen von Sicherheitsgarantien und das Überschreiten der Scharia-Grenzen bleibt vor Allah eine Sünde und ein Verbrechen, ganz gleich, wer es begeht. Ein Staat besitzt das Recht, seine Ordnung zu schützen; doch Unschuldige dürfen niemals den Interessen politischer Säuberungen geopfert werden.
Mit der Befreiung von Abu al-Abbas aus dem Hausarrest in Kufa (الْكُوفَةُ) und seiner Ausrufung zum ersten Kalifen des abbasidischen Reiches im Jahr 132 nach der Hijra begann die Ära der staatlichen Konsolidierung.
Abu al-Abbas war zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung ein junger Mann von etwa 27 oder 28 Jahren. Er war damit ungefähr sieben bis neun Jahre jünger als sein älterer Bruder Abu Ja’far al-Mansur (أَبُو جَعْفَرٍ الْمَنْصُورُ).
Dass der verstorbene oberste Imam Ibrahim al-Imam (إِبْرَاهِيمُ الإِمَامُ) vor seiner Festnahme dennoch den jüngeren Abu al-Abbas für die Nachfolge im Kalifat bestimmte und ihm den Vorzug vor Abu Ja’far al-Mansur gab, unterstreicht die außergewöhnliche Persönlichkeit Abu al-Abbas’. Blickt man auf die spätere historische gigantische Gestalt von Abu Ja’far al-Mansur und seine beispiellose Staatskunst, wird deutlich, welch gewaltige Autorität, Entschlossenheit und Führungsstärke Abu al-Abbas besessen haben muss, um in den Augen seines Bruders und der Führungsriege als der geeignetere Kalif für die Geburtsstunde des Reiches zu gelten.
Die Herrschaft von Abu al-Abbas war von kurzer Dauer. Er war gesundheitlich geschwächt und verstarb nach nur vierjähriger Regierungszeit im Jahr 136 nach der Hijra im Alter von etwa 32 Jahren. Dennoch gelang es ihm in diesen vier Jahren, das Fundament des abbasidischen Weltreiches unumstößlich zu verankern.
Sofort nach seinem Machtantritt begann Abu al-Abbas mit der systematischen Absicherung des Reiches. Er entsandte schlagkräftige Armeen, um die verbliebenen Bastionen der alten Umayyaden-Herrschaft zu zerschlagen und den geflohenen letzten Umayyaden-Kalifen Marwan II. (مَرْوَانُ بْنُ مُحَمَّدٍ) unnachgiebig zu verfolgen.
Die abbasidischen Streitkräfte rückten nach Damaskus (دِمَشْقُ) und durch Syrien vor, überquerte die Grenzen und setzten die Verfolgung Marwans II. bis nach Ägypten fort. In der Ortschaft Busir (بُوصِيرٌ) in der oberägyptischen Provinz Beni Suef wurde Marwan II. schließlich aufgespürt und im Kampf getötet. Damit war die Linie der umayyadischen Kalifen im Osten endgültig erloschen.
Gleichzeitig ließ Abu al-Abbas die einflussreichsten Führungspersönlichkeiten des umayyadischen Stammes und Apparates verfolgen. Aus staatspolitischem Kalkül war dieser Schritt unvermeidlich: Nach jedem historischen Umsturz verbleiben im alten Machtapparat einflussreiche Kräfte und Netzwerke, die auf eine Restauration der alten Verhältnisse hinarbeiten. Um das Überleben des jungen Staates zu sichern, mussten jene Schlüsselpersonen neutralisiert werden, die das Potenzial besaßen, die umayyadische Herrschaft im Osten wiederzubeleben. Der einzige umayyadische Prinz, dem die Flucht aus diesem Zugriff gelang, war Abd al-Rahman ibn Mu’awiyah (عَبْدُ الرَّحْمٰنِ بْنُ مُعَاوِيَةَ / صَقْرُ قُرَيْشٍ), der im fernen Al-Andalus (الأَنْدَلُسُ) das umayyadische Emirat von Córdoba begründete. Ein einziger entkommener Prinz dieses Kalibers reichte aus, um ein ganzes Weltreich neu zu errichten. Hätten die Abbasiden mehrere solcher Persönlichkeiten unbehelligt gelassen, wäre das abbasidische Kalifat binnen kürzester Zeit von konterrevolutionären Aufständen der Umayyaden zerschlagen worden.
In vielen Geschichtsbüchern finden sich maßlose Übertreibungen bezüglich der Opferzahlen der abbasidischen Säuberungen. So behaupten manche späten Berichte, in Damaskus oder bei den Säuberungen seien 50.000 oder 80.000 Menschen hingerichtet worden.
Hierzu muss eine eindringliche historischen Differenzierung vorgenommen werden: Die Abbasiden waren keine Tataren (bzw. Mongolen)!
Die historische Betrachtung der Abbasiden offenbart eine tiefgreifende psychologische Dynamik im Wandel der Zeiten.
Der große Historiker Al-Dhahabi (الذَّهَبِيُّ) brachte die gespaltene Empfindung der Nachwelt sechs Jahrhunderte später auf den Punkt, als er schrieb:
„Bei Allah, es hat uns erfreut, dass das Kalifat an sie [die Prophetenfamilie] überging; aber es hat uns zutiefst betrübt, was dabei an Blut vergossen wurde!“
Dr. Elhamy beschreibt aus eigener wissenschaftlicher Erfahrung, wie die Wahrnehmung staatlicher Härte stark vom eigenen gesellschaftlichen Erleben abhängt:
Aus islamisch-historischer Perspektive darf dieser politische Pragmatismus jedoch niemals dazu verleiten, das Überschreiten göttlicher Grenzen zu rechtfertigen:
Keine Entschuldigung für Exzesse: „Ich kann weder Al-Hajjaj ibn Yusuf entschuldigen, noch Abu Muslim al-Khurasani, noch Abdullah ibn Ali.“ Diese Personen bleiben in der Geschichte unverrückbar Verbrecher (مُجْرِمُونَ) und Blutvergießer (سَفَّاكُونَ). Wer ihre Exzesse mit politischer Notwendigkeit entschuldigt, müsste konsequenterweise auch die Verbrechen moderner Diktatoren und Unterdrücker entschuldigen. Kein muslimischer Historiker – weder in der klassischen Epoche noch heute – hegt Liebe für Al-Hajjaj oder Abu Muslim.
Der Maßstab von Mu’awiyah ibn Abi Sufyan: Das islamische Ideal der Staatskunst wird durch das berühmte Wort von Mu’awiyah ibn Abi Sufyan (مُعَاوِيَةُ بْنُ أَبِي سُفْيَانَ) verkörpert:
„Ich setze mein Schwert nicht dort ein, wo meine Peitsche genügt; und ich setze meine Peitsche nicht dort ein, wo meine Zunge genügt!“
Das prophetische Vorbild bei der Eroberung Makkahs: Als der Prophet ﷺ Makkah siegreich einnahm und die vollkommene Macht besaß, verhängte er die Todesstrafe über etwa zehn Einzelpersonen, die schwerste Verbrechen begangen hatten. Allen übrigen Einwohnern Makkahs – obwohl sie ihn jahrelang bekämpft hatten – gewährte er die allgemeine Begnadigung.
Die Grenze zwischen Notwendigkeit und Verbrechen: Das Ausschalten einer Handvoll unbelehrbarer Schlüsselakteure zur Sicherung der Ordnung mag eine staatspolitische Notwendigkeit sein; das Überschreiten dieser (الضرورة) (Notwendigkeit), das Abschlachten von Hunderten, das Brechen von Versprechen oder die Zerstörung ganzer Städte (wie das Massaker von Hama unter Hafez al-Assad) ist reines Verbrechen und schwere Sünde vor Allah.
Zum Abschluss analysiert Dr. Elhamy die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlichen Wandels und die Bedingungen für das Gelingen von Revolutionen.
Der große Geschichtssoziologe Ibn Khaldun (ابْنُ خَلْدُونٍ) formulierte das unumstößliche Prinzip:
«الْمُلْكُ قَلَّ أَنْ يُسَلِّمَهُ أَحَدٌ إِلَّا بِقِتَالٍ»
„Herrschaft wird selten von jemandem freiwillig übergeben – außer durch Kampf.“
Keine herrschende Elite tritt ihre Macht freiwillig ab, solange sie über die Mittel verfügt, sie aufrechtzuerhalten.
Der amerikanische Historiker und Soziologe Crane Brinton beschrieb in seinem Standardwerk zur Soziologie der Revolution (The Anatomy of Revolution / Anatomie der Revolution), dass Umstürze nicht in Zeiten staatlicher Stärke gelingen. Zu den ersten Anzeichen einer herannahenden Revolution (Nuzur al-Thawrah) gehört das Auftreten tiefgreifender Risse innerhalb der herrschenden Klasse selbst – wenn führende Köpfe des Regimes erkennen, dass die aktuelle Politik in den Untergang führt.
Genau dies geschah beim Niedergang der Umayyaden: Die blutigen Nachfolgekämpfe zwischen Al-Walid II., Yazid III. und Marwan II. sowie die zeitgleichen Aufstände in Syrien, der Jazira, im Maghreb und bei den Khawarij zerrütteten den Machtapparat derart, dass das geschaffene Machtvakuum von der abbasidischen Geheimorganisation genutzt werden konnte.
Bedeutet die Erkenntnis, dass stabile Systeme nicht stürzen, dass man Unrecht tatenlos hinnehmen sollte? Nein!
Das islamische Rechtsprinzip fordert das Ausbalancieren zwischen der Pflicht zur Veränderung von Unrecht (Inkar al-Munkar) und der Verhinderung einer noch größeren Versuchung/Fitnah (Mafsadah):
Für das vertiefte Studium dieser Epoche empfehlen sich die Werke der führenden Fachhistoriker:
Damit schließt die Analyse von Episode 27 der Enzyklopädie-Reihe „100 Fragen in der Geschichte“ über die Geburtsstunde des Abbasiden-Reiches.
Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.